The Art of Bespreching (elf)

Kapitel elf, worin es um den immer wieder Neuanfang geht. Als lokalem Kulturjournalisten laufen einem bestimmte Bands immer (mal) wieder über den Weg. Man forscht dann im Archiv, findet Diverses und könnte daraus, aus diesem bereits treulich recherchierten Material, natürlich wieder was Neues (mit der gebotenen Eleganz) zusammensamplen. Allein, der Faktor Zeit und nichts ist, wie es bleibt. Also ruft man nochmal an, findet die alten Genossen in anderen der selbst gezimmerten Zusammenhänge vor, versucht Links zu dem früheren Textmaterial (wie gesagt: gut recherchiert damals) abzufragen, um nicht zu sagen, suggestiv einzufragen. Allein, sie weigern sich, beharren auf JETZT statt DAMALS, und das ja aus gutem Grund. Was wären wir, wenn wir immer nur damals statt jetzt wären? Geister? Gar gute? Oder hätten wir gerne in jenem Konvolut die „Bad Guys“, die wir immer sein wollten, jene, vor denen uns unsere Eltern vor uns selbst warnten? „Man muss davon ausgehen, dass der Stein denkt“, sagte Rainald Goetz in „Irre“ (glaube ich, ich find’ das Zitat, das mich seit den 80ern begleitet, indes nicht mehr), zumal wenn es Sisyphus’ Stein ist. Wie der nicht nur bergwärts rockt, sondern auch rollt, darum ging es in dem heutigen Interview mit der Kieler Band NO MORE über ihr neues Album gleichen Titels. Das Interview, eigentlich nur als Materialsammlung, Zettelkasten für den Artikel angelegt, entpuppte sich im Wortlaut als noch berichtenswerter. Und da man mir bei der Zeitung (KN) solche Freiräume der redaktionellen Entscheidung einräumt, nutzte ich sie, ließ die selbst sprechen, die hier musizierten. Keine übliche (Album-) Besprechung also, wo man sich in Metaphern verzwirbelt, eher der Klartext der – um es mit Kluge zu sagen – „Artisten unter der Zirkuskuppel (selbst aufgespannt) – ratlos“. Und die eben Einsicht, dass der Künstler da umso mehr verrät von seiner Kunst, als er ratlos, stammelnd, immer wieder neu anhebend ist. GEIL! Da ist Kunst! Und ein bisschen von der zu vermelden, war mir hier vergönnt:

— snip! —

Den Stein glücklich weiterrollen …

Ein Ausspruch Samuel Becketts flackert im Trailer zum neuen Album der Kieler „Post-Punk-Proto-Electronica-Kraut-Glam“-Band No More: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better!“ „Sisyphus“ heißt dazu passend die CD, auf der sich die Post-Punk-Veteranen mal wieder neu erfinden – elektronischer, balladenhafter – und des Namensgebers Stein weiter (rock’n’) rollen. Über das Glück des immer wieder Neuanfangens am gleichen Hang, aber mit neuem Stein sprach Szene-Mitarbeiter Jörg Meyer mit Andy Schwarz und Tina Sanudakura.

Ihr zitiert auf dem neuen Album Albert Camus, der sagte, dass man sich Sisyphus als einen Glücklichen vorstellen müsse. Ist es statt Fluch ein Glücksfall, immer wieder von vorne anfangen zu müssen – und zu können?

Tina: Zumindest ist es eine Chance, auf dem Pfad des ewig grüßenden Murmeltiers mal etwas richtig zu machen. Der Bezug zu uns als den alten No More ist dabei, dass wir nicht da neu ansetzen, wo wir mal aufgehört haben, sondern da, wo wir nicht weitergemacht hatten. Das war schon der Schritt beim letzten Album „Midnight People & Lo-Life Stars“, den wir jetzt nochmal weitergegangen sind, wieder ganz bewusst, ohne ihn zu Ende zu gehen.

Andy: Neu ansetzen auch deshalb, weil wir JETZT Musik machen, nicht mehr in den 80ern, nicht mehr vor zwei Jahren. Wir haben andere Akzente gesetzt. Die Rhythmik zum Beispiel ist nicht No More-typisch. Aber es steckt kein wirklicher Plan dahinter, die Sachen passieren einfach – im Jetzt. Man denkt, man nimmt einen Faden auf, meinetwegen auch einen damals nicht weiter gesponnenen, aber letztlich fängt man doch immer wieder von vorne an.

Ist also der Berg, den Sisyphus den Stein hinaufrollen muss – oder darf, zwar der gleiche, aber der Stein ein immer neuer?

Andy: Könnte man so sehen. Vielleicht bleibt aber auch alles gleich, nur die Perspektive auf den Weg und den Stein ändert sich.

Dürfte man „Sisyphus“ somit als Konzeptalbum über neues Neuanfangen hören?

Andy: Ja und nein. Wir haben mit dem neuen Album erstmal ganz profan angefangen, ohne jedes Konzept. Die Songs entstanden mehr, als dass wir sie komponiert hätten. Aber dabei ist uns – wiedermal – aufgefallen, dass wir nicht da wieder anfangen, wo wir mit dem letzten Album aufgehört haben. Wir merkten auch, dass sich viele Songs sozusagen „im Loop“ befinden, etwas Wiederkehrendes, Kreisartiges als Struktur haben. Es ist kein Konzeptalbum, aber man kann das Bild des Sisyphus auf verschiedenen Ebenen anwenden. Man kann es aber auch lassen, die Metapher ist nicht notwendig für das Verständnis der Musik.

Das wirkt ein wenig wie eine abgeklärte Haltung: Die Revolution, die Punk mal anzettelte, muss nicht mehr gemacht werden?

Andy: Revolutionen haben ja stets einen Jojo-Effekt. Sie schnellen vor und ziehen sich dann wieder zurück. Wir haben, wenn, dann eher einen Begriff wie „permanente Revolte“ im Kopf, permanentes Neuentdecken. Selbst wenn das Ganze absurd ist, es keine Hoffnung gibt … So wie es in einem Song heißt: „All is well, when nothing matters“, wenn man keinem Programm mehr verpflichtet ist, einfach nur den Stein weiterrollt.

Tina: Eben wie in dem Film „Und ewig grüßt das Murmeltier“: In dem Moment, wo der Protagonist sein Schicksal der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen akzeptiert, ist er nicht mehr darin gefangen, kann es frei gestalten. Womit wir wieder bei Sisyphus als dem Glücklichen angekommen wären.

No More: „Sisyphus“ (Rent A Dog). Erhältlich ab 23. März im Plattenladen Ihres Vertrauens und über iTunes. Infos, Videos und Hörproben auf www.nomoremusic.de, www.myspace.com/NoMoreRemakeRemodel, www.youtube.com/user/NoMoreRemakeRemodel.

— snap! —

Erhellend in diesem Zusammenhang durchaus auch, wie ich schon 2010 über No More für KN schrieb:

— snip! —

Kein Anfang ohne Aufhören

Die Kieler Band No More knüpft mit ihrem neuen Album an ihre Wurzeln an – und spinnt sie weiter.

Von Jörg Meyer

Kiel: Manchmal muss man aufhören, um erneut für Aufhören zu sorgen. 20 Jahre war die Kieler Band No More, gegründet 1979, scheintot, von 1986 bis 2006. Dann kam 2007 die Ausstellung „Kein Kiel“ über Post-Punk und No Wave in der Fördestadt Anfang der 80er Jahre, die Andy Schwarz und Tina Sanudakura für die Kunsthalle kuratierten, und im Herbst 2008 mehrere Einladungen zu einer Revival-Tour quer durch Europa, vom BIMfest in Antwerpen bis zum „M’era Luna Festival“. Die Tour-Erfahrung nach 22 Jahren Schweigen verdichten die verbliebenen beiden No Mores nun auf einem ersten neuen Album nach Jahrzehntepause: „Midnight People & Lo-Life Stars“.

„Back from the dead“ stand als Motto über der EP, die Tina und Andy 2006 zum 25. Geburtstag ihres heimlichen Hits „Suicide Commando“ produzierten. Punk war 1981 allenfalls mit dem Präfix „Post“ in Kiel angekommen. „Punk ist Sex Pistols und vielleicht noch ein paar andere, Clash schon nicht mehr“, weiß Andy. Danach kam sein Vermächtnis zu Lebzeiten. „Musikalisch war das nach 1979, dem Sterben von Punk in den Mainstream, etwas anderes, von der Energie her freilich noch dasselbe.“ Punk wurde erst, als er bereits tot war. Mit der Szene von damals verbindet das Duo kaum noch etwas, zumal sie schon ehedem das Punk-Idiom eher dark-wave-isch, elektronisch interpretierten. „Mittlerweile passt das für uns“, sagt Andy, wenn man ihn danach fragt, ob der frühe Tod der Punk-Revolution auch Wehmut berge. Und Tina ergänzt: „Wenn wir damals nicht aufgehört hätten, könnten wir heute nicht wieder Musik machen.“

Die Pause war also kreativ, Punk „vom Ende her zu denken, nicht da wieder anzufangen, wo wir aufgehört hatten“. Back to the roots? Ja, vielleicht, allein, Andy sträuben sich die schwarzen Nackenhaare ob solcher popmusikalischer Einordnung. Die Beschäftigung mit dem „frühen Material“ hat ein Album entstehen lassen, das liegengelassene Fäden wieder aufnimmt, ohne sie fortspinnen zu müssen. Die beiden Musiker sind skeptisch gegenüber dem „Ideologie-Zusammenhang“, der ihr Wirken einst prägte, als junge Kieler Häuser besetzten und gegen den Konsumterror opponierten. „Wir sind unser eigenes Retro“, greint Andy und ist, indem er das sagt, „post-ironisch“. Klartext: „Pop-Musiker – auch wir – schöpfen aus 50 bis 60 Jahren Pop-Musikgeschichte. Es gibt zur Zeit keinen Zeitgeist, an den man sich ankoppeln könnte.“

Zum Glück, möchte man meinen, wenn man in das neue Album hinein horcht. „Inside 1979 – The Unpredictable Sky“ versammelt in kassettenrekorderstammelnden Dokumenten zwar noch die Stimmung nach dem „Deutschen Herbst“, als die „heute wieder notwendige Revolution“ greifbar schien. Doch die RAF ist tot, DAF, mit denen No More ab März auf Tour gehen werden, gibt’s noch immer. Punk hat überdauert wie Insekten nach einem Atomkrieg verstrahlter Ideologien. Und so zirpt und grillt es auf dem neuen Album retro-elektronisch aus Theremin- und analogen Casio-Sounds, die das Duo wie psychedelische Kassiber aus längst befreiten Stammheimen in die aktuellen Tracks eingemeindet.

Ach ja, das neue Album: Weniger von den alten Zeiten als von den „das Sein bestimmt das Bewusstsein“-erneuerten ist es inspiriert. „Die meisten Songs sind auf der Tour 2008 entstanden“, erinnert sich Tina. Die Provokation des Punk ist die Leiche im Heimstudiokeller. „Die Gesellschaft ist so liberal wie sie gleichgültig ist“, sinniert Andy. Horkheimer und Adornos „repressive Toleranz“ muss man dafür nicht erst bemühen. Nur neu anfangen, mit dem man nie aufgehört hatte.

No More’s Album „Midnight People & Lo-Life Stars“ erscheint am 12. März beim Label „Rent A Dog“. Infos und Hörproben unter www.myspace.com/nomoreremakeremodel.

… und zerrneuert …

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The Art of (Vor-) Bespreching (zehn)

Kapitel zehn, worin es darum geht, einem (lokalen) Laien-Chor die Vorab-Meriten zu singen, wenn er sich an Großwerke wagt. Wie erzählt man eine solche Geschichte eines so genannten „Probenberichts“? Man lauscht erstmal bei der Probe, erinnert sich – so vorhanden – eigener Chor-Erfahrung und schaut ansonsten eher darauf, was das Werk, das der Chorleiter sehr gut kennt und den Choristen in seinen Anweisungen nahezubringen sucht, an „Geschichten“ und „rotem Faden“ hergibt. Man gibt wenig Obacht auf eventuell hübsche Sopranistinnen, lässt sich auch von „elder“ Altistinnen edler Gestalt nicht beirren, sondern lauscht, was hier wie von den vermuteten Absichten des Komponisten „rüberkommt“. Schön, wenn der vertonte biblische Text dabei schon die Dialektiken aufwirft, an denen entlang man die „Story“ entwickeln kann. Ein Glücksfall überdies, wenn man sich davon als Schreiber so anregen und anfassen lässt, dass ob der gehörten Töne dabei der Stift zuweilen in der Hand bebt (und auch mal ein Tränchen sich ins Knopfloch verirrt). (Rührung ist immer gut!) Das sind die schönsten Momente des Notierens, gut, wenn man ihre „Atmo“ in den druckreifen Text zu übertragen weiß. Wissend, dass man als (Vor-) Rezensent immer in der Rolle des sowohl strafenden wie barmherzigen „Gottes“ ist. Als solcher gilt es, vor allem schweigend gehorsam – besser: gehörsam – zu sein.

Alttestamentarische Wucht trifft auf Barmherzigkeit

Die Luther-Kantorei probt Mendelssohns „Elias“.

Von Jörg Meyer

Kiel. „Er wird uns verfolgen, bis er uns tötet“, dräuen die Turba-Rufe als buchstäblich verfolgendes Fugato in Mendelssohn-Bartholdys „Elias“. Bevor solche alttestamentarische Wut des Herrn seiner milden Barmherzigkeit im sanften, motettischen Choralton weicht, muss die Luther-Kantorei unter der Leitung von Jens Siewertsen noch manche Klippe umschiffen.

Ein Oratorium, das der Wucht der Bachschen kaum nachsteht, ja, sie in Siewertsens expressiver Interpretation überbietet, hat die Kantorei der Kirche, deren Gründung sich am 12. März, einen Tag nach der Aufführung und damit zum Ende des klingenden Festjahrs zum hundertsten Mal jährt, in den Noten lesenden Händen. Derartige Großwerke hat die Kantorei, die Siewertsen, Studienrat für Musik und Mathematik am Gymnasium Kronshagen – ein kleines Jubiläum dazu – seit 25 Jahren nebenamtlich leitet, schon manche aufgeführt, darunter Bachs „h-moll-Messe“, mehrfach sein „Weihnachts-Oratorium“, „Requiem“ und „Krönungsmesse“ von Mozart, Händels „Messias“ und Rossinis „Petite Messe solennelle“. Für den „Elias“ konnten Siewertsen und sein 57-köpfiger (inklusive Ehemaliger) Chor die um Instrumentalisten aus dem Kieler Philharmonischen Orchester erweiterte Camerata Kiel sowie die Solisten Julia Henning (Sopran), Marina Fideli (Alt), Steffen Doberauer (Tenor) und Hans-Georg Ahrens (Bass) gewinnen.

Doch erstmal geht es durch die Mühen der Ebenen, namentlich Mendelssohns zuweilen verzwickte Polyphonie. „Beim Alt hatten wir uns da ein Eselsohr gemacht“, erinnert Siewertsen an eine Stelle, wo die Intonation noch immer etwas wackelt. Und das bei einem, „wie die Doctores unter euch wissen, nicht gerade gesunden Ruhepuls von 96“. Hurtiges Tempo also, das die Dramatik der komponierten biblischen Situation befiehlt, und saubere Intonation in einem harmonisch nicht eben einfachen Umfeld unter einen Hut zu bringen – ein altbekanntes Problem, das der Chor dennoch im zweiten Angang souverän meistert. Doch Siewertsen ist noch nicht ganz zufrieden: „Es ist alles im Sack, aber ihr müsst ihn noch zubinden!“ Noch mehr Akzent brauche dieses „Er wird uns verfolgen“. Schärfer muss der Septakkord am Plagal-Schluss klingen, bevor im Choral der Herr „dein eifriger Gott“ ist, nach dem Zorn Barmherzigkeit zu üben.

Auch bei der Verkündigung derselben darf der Chor, so Siewertsen im Ton eines zur Not strafenden Chor-Gotts, „keine Angst vor der eigenen Courage haben“. „Ein einziges Crescendo“ ist durchzuhalten wie die Spannung, „auch wenn es Dienstag, 28 Uhr ist“. Und dann sich „ganz schlank“ zurücknehmen und „beim Decrescendo locker entspannen“. Weil jetzt den Frommen in der Finsternis ein Licht aufgeht, wo harmonische Verschattungen mit fast grellem Feuer der Soprane vereint werden müssen. Denn so spricht der Herr – im Furor wie in der Barmherzigkeit. Mendelssohns am Gotteswort orientierte sinfonische Dramatik soll hier erstrahlen, nicht nur wuchtig zum Kirchen-Jubiläum, auch ganz zart darüber hinaus.

Sonntag, 11. März, 17 Uhr, Luther-Kirche am Schrevenpark.

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ögyr’s „abriss“ @ Augenweide

Mitgeteilt sei, dass ögyr’s video.poem „abriss“ am Samstag, 24.3.2012, 20.30 Uhr beim 16. Filmfest Schleswig-Holstein – Augenweide in der Kieler Pumpe (statt nur im Netz) auf der großen Kino-Leinwand läuft – und zwar im Kurzfilm-Programm „kurz & knackig“. Mitgeteilt sei ebenso, dass ögyr dies zum Anlass nahm, die doch inzwischen recht zahlreichen video.poems neu zugänglich zu machen. Die in seinem schwungkunst.blog seit Januar 2010 geposteten video.poems finden sich jetzt in der Kategorie „video.poems“ versammelt, älteres Material (Super-8-Footage, gedreht in den 80ern) findet sich auf www.schwungkunst.de/video_poems. Dort auch miniDV-„Klassiker“ wie „abstracks“ oder „spät.werk“. Have a (back-) look!

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The Art of (Vor-) Bespreching (neun)

Kapitel neun, worin gezeigt wird, wie man ein schwieriges geistes- und kulturwissenschaftliches Thema (eventuell) auch der zwar nicht breiten, aber dennoch halbwegs gebildeten Leserschaft des Feuilletons einer ganz normalen regionalen Tageszeitung zugänglich machen kann. Wiedermal das Problem des so genannten „Herunterbrechens“. Man muss einfach, „verständlich“ bleiben, darf aber dennoch eben den Leser oder die Leserin voraussetzen, die derlei überhaupt lesen – und das aus einer Mindestgebildetheit heraus. Auch soll man den Leser und die Leserin nicht niedermachen, indem man sie unterschätzt. Viel mehr wird verstanden, als man meint. So darf auch hier manches fremdwörteln, latinisiert sein, der Leser wird’s schon richten. Nochmal „zumal“: Es geht ja gerade hier um den Konnex von so genannter „Hoch-“ und „Trivialkunst“, also um eben das Bindeglied, das hier verhandelt wird. 42 Min. höchst interessantes und auf vieles weiterdeutendes Telefon-Interview mit dem Symposium-Initiator Norbert M. Schmitz müssen sich mal wieder (zeilen-) beschränken auf die dann doch wieder simple Informationsvergabe (Termine und so). Schön, wenn es gelingt, manches Nachdenkenswerte (zumindest für Kunstinteressierte) dennoch hinein zu kassibern. (Im Schreiben an dem Artikel, was ja, so verstanden, auch ein bisschen Kunst ist, dachte ich: Kunst ist Spurensicherung. Also gilt es, hier welche zu legen.)

Medialer Mythos in davongelaufenen Bildern

Das interdisziplinäre Symposium des Forums der Muthesius Kunsthochschule untersucht „Filmische Künstlermythen“.

Von Jörg Meyer

Kiel. Jan Vermeers berühmtes Porträt „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ kennen heutzutage viele eher aus dem gleichnamigen „Bio-Pic“ von Peter Webber über Vermeer und die (vermeintliche) Entstehungsgeschichte des Gemäldes als von Angesicht zu Angesicht im Museum. Und auch bei van Goghs abgeschnittenem Ohr hat mancher Kirk Douglas im Hollywood-Film von Vincente Minnelli vor Augen und nicht des Malers Selbstporträt nach der Selbstverstümmelung.

Wie der Film, insbesondere filmische Biografien („Bio-Pics of Artists“), den Mythos von der Kunst und dem (leidenden) Künstler prägen und wie damit Kunst in einen vielschichtigen Dialog mit sich selbst tritt, untersucht das von Norbert M. Schmitz, Ästhetik-Professor an der Muthesius Kunsthochschule, konzipierte interdisziplinäre Symposium „Filmische Künstlermythen – Die mediale Produktion der Kreativität“.

„Film und Fernsehen haben heute bei der Begegnung mit bildender Kunst Museum und Galerie den Rang abgelaufen“, diagnostiziert Schmitz. „Sie prägen unser Bild von Kunst, dem Künstler und dem Kreativen viel mehr als das originale Kunstwerk, Kunst wird uns zunehmend medial vermittelt.“ Einerseits sei das positiv, weil so der Kunst ein Massen-Forum gegeben werde, andererseits entstünden so Mythen vom Dasein als zwar freier, sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzender, aber daran leidender Künstler, die auch viele von Schmitz’ Studenten „im Kopf haben“, wenn sie sich für ein Kunststudium entscheiden. Hinzu kommt, dass die Kunstwissenschaft erst allmählich ihre akademische Deutungshoheit aufgibt und sich mit der Spiegelung von Kunst in einem Medium wie Film beschäftigt, das lange Zeit als rein kommerziell und daher nicht „künstlerisch“, sondern „mit schelem Seitenblick“ angesehen wurde. „Der Kunstgeschichte sind indes die bewegten Bilder davongelaufen“, weiß Schmitz aus eigener Erfahrung im Wissenschaftsbetrieb als sowohl Kunst- als auch Medienwissenschaftler.

Das Symposium, aus dessen Diskussionsbeiträgen eine Publikation entstehen soll, die zeigen werde, „dass an der Muthesius Kunsthochschule auch geforscht wird“, soll nun Licht in solche früheren „blinden Flecken“ der Kunstwissenschaft bringen, indem es untersucht, wie Medien (namentlich Film), Kunst, Kunstwerk, Künstler – und nicht zuletzt auch Kunstgeschichte – in gegenseitiger Projektion Mythen von einander erzeugen und auch wieder dekonstruieren. Neben den schon genannten Filmen (Wolfgang Knapp: „Genie, Wahn, Biografie und künstlerische Arbeitsweisen – Vincent van Gogh im Film“, Fr, 10 Uhr; Christoph Wagner: „Das Mädchen mit dem Perlenohrring – Konstruktion eines filmischen Paradigmas“, Sbd, 13 Uhr) kommen dabei unter anderem auch Carol Reeds Michelangelo-Film „Agony and Ecstasy“ (Do, 18 Uhr), und Tarkowskis film-ikonografische Auseinandersetzung mit dem mittelalterlichen Ikonenmaler Andrej Rublev (Norbert M. Schmitz, Fr, 15.30 Uhr) unter die mythologische Lupe.

Als besonders interessant erachtet es Schmitz, wie (Film-) Künstler wiederum die Spiegelung der medialen Mythologisierung integrieren und damit ihre Kunst selbst zur Medienkunst machen – und vice versa. Wie sich etwa Francis Bacons Bildkonzepte in Filme prägten, zeigt Marcus Stiglegger (Sbd, 10 Uhr) anhand von Bertolucci. Dass Konrad Wolf mit seinem Film „Goya“ den „Künstler als Epochendeuter“ versteht, beweist James Wulff aus semiotischer Sicht (Fr, 14 Uhr). Und wie unter anderem Frida Kahlos Werke im Film über sie „die mediale Konstruktion einer künstlerischen weiblichen Attitüde“ anregten, beleuchtet Theresa Georgen (Fr, 11.30 Uhr).

Vielfache Wechselwirkungen bestehen offenbar zwischen Kunst, Künstler, ihren film-mythischen Reflexen und deren Widerhallen in der Kunstwissenschaft, die über alle solche reiche Rückschlüsse ermöglichen. Ein interessantes und noch junges Forschungsfeld, in das sich Schmitz und die von ihm zum Symposium eingeladenen Referenten gerne begeben, „auch auf die Gefahr hin, dass es in den zuweilen rührseligen filmischen Künstlerdramen richtig kitschig wird“.

Öffentliche Vorträge: Donnerstag, ab 17 Uhr bis Sonnabend ab 10 Uhr in der Aula der Muthesius Kunsthochschule (Lorentzendamm 6-8). Kommentierte Filmvorführung „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“: Freitag, 18 Uhr, KoKi Pumpe (Haßstr. 22). Detailliertes Programm unter www.muthesius-kunsthochschule.de.

Original und filmischer Reflex: Jan Vermeers Gemälde „Mädchen mit dem Perlenohrring“ und Scarlett Johansson als solches in Peter Webbers „Bio-Pic“ über Vermeer. Montage ögyr

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The Art of Bespreching (acht)

Kapitel acht, das sich in die Gewöhnlichkeitsniederungen des klassischen Feuilletons begibt und darin dennoch gewisse Höhen auszumachen und aufzuschreiben sucht. Will sagen: Die Besprechung eines ganz gewöhnlichen – wenn auch als Abschiedskonzert für ein langjähriges und verdientes Mitglied des Kieler „Noch-nicht-ganz-A-Orchesters“, wohl nur in der Besprechung so zelebrierten – Kammerkonzerts an irgend so einem unbedeutenden Montag fordert umso mehr den berühmten „roten Faden“, also eine zu erzählende „Geschichte“, als sie sonst zum konfektionierten Feuilletongeplapper verkäme – oder in solchem verdämmerte. Ebenso wie man sich fragt, warum jetzt auch noch dieses oder jenes Konzert hat sich ereignen müssen, fragt man sich oft auch, wie und warum es in einen dürren Einspalter des Feuilletons Eingang gefunden hat. Dennoch – oder auch „trotz alledem“: Kultur hat gerade in ihren gewöhnlichen, staubtrocken unausgekehrten Ecken, also an jenem alltäglichen Rande zuweilen Preziosen zu bieten, die es zu entdecken gilt, indem man solche Ecken erzählt. Indem man dem Gewöhnlichen eines handelsüblichen kleinen Kammerkonzerts das ablauscht, was immer schon ungewöhnlich ist, sobald Kultur nicht nur Gewöhnung ist. Der Besprecher muss dafür etwas wagen, denn der „rote Faden“, den er hier schon in der zwar gewöhnlich, aber doch ganz nett alliterierenden Überschrift spinnt, ist womöglich nicht der, den (a) die Komponisten und (b) die Interpreten woben. Und womöglich gefiele den Künstlern Gewöhnlicheres mehr als hier Geschriebenes. Den Besprecher dürfen solche Erwägungen nicht anfechten. Vielmehr ist er aufgerufen, den gewöhnlichen Duktus des Feuilletons mit Überraschendem „anzufüttern“. Wenn denn – wie hier – die Künstler es vermochten, zwei ganz gewöhnlichen Werken der klassischen Kammermusik ihre Ungewöhnlichkeiten zu entlocken. Gelingt beides, darf die Besprechung formal mit den Üblich- und Gewöhnlichkeiten bildungshubern. ((BTW: Wie hier unerwähnt sollte man allerdings die auch ganz hübschen Eindrücke des besprechenden Eckenstehers lassen, wenn er – selbst Angehöriger desselben – nebenbei das grauhaarig GRÜN (wenn es hoch kommt oder chic ist: die LINKEN) wählende Bildungsbürgertum (als „MILF“ jung gebliebene und immer noch in „Ju(r)te statt Plastik“ gehüllte Muttis mit ihrem nicht nur musikalisch hochbegabten Nachwuchs, der hier in die gewöhnlich höheren Weihen bildungsbeauftragt eingeführt wird) beobachtet, wie es derlei gewohnt ungewöhnliche Kultur zur reich applaudierenden Kenntnis nimmt, indes der Besprecher, der sich berufsbedingt neugierig zumindest gebärdet, hier „job-begleitend“ Musik neuentdeckt, die ihn nicht nur diese Nacht, sondern noch ein paar Wochen begleiten und inspirieren wird.))

Atem des Abschieds

Abschiedskonzert von Soloklarinettist Gunnar Taubitz im Opernfoyer

Von Jörg Meyer

Kiel. 38 Jahre war er Soloklarinettist des Kieler Philharmonischen Orchesters und spielte dabei unter jeweils acht Intendanten und Generalmusikdirektoren, nun verabschiedete sich Gunnar Taubitz mit einem Kammerkonzert im Opernfoyer in den wohlverdienten Ruhestand. Dass er dabei auf typische Virtuosenstücke verzichtet und stattdessen zwei Alterswerke der Romantik und des Fin de siècle präsentiert, zeigt sein Gespür für den weise atmenden Charakter seines Instruments.

Dabei schrieb Johannes Brahms 1891 sein „Trio a-moll für Klarinette, Cello und Klavier, op. 114“ durchaus für einen Virtuosen, den befreundeten Klarinettisten Richard Mühlfeld. Doch weniger virtuose Schnörkel als den ruhig fließenden Atem legte er ihm auf die Klappen. Zusammen mit dem auch im Forte sensibel zurückhaltenden Pianisten Reinhard Brede und Stefan Grové, der das Cello zuweilen mit etwas zu jugendlich sprühender Verve streicht, folgt Taubitz Brahms’ beinahe schlicht-stillem Entwurf, entfaltet in ruhigem Fluss die je nach Register charakteristisch unterschiedlichen sanglichen Qualitäten der Klarinette. Eine Leidenschaft, die vor allem in ihrer Verinnerlichung glänzt, allenfalls im Trio des „Andante grazioso“ sich zu ländlerhafter Spielmannsfröhlichkeit verführen lässt. Ein Abschied in der Zuversicht, dass man nach „Effekten“ nicht (mehr) zu haschen braucht, zumal in der mildesten, untragischsten der Moll-Tonarten.

Epochen- wie charakterbedingt fällt Max Regers letztes Werk, das „Quintett A-Dur für Klarinette und Streichquartett, op. 146“, deutlich emotionaler aus. Doch obwohl Reger den Streichern (Nora Piske-Förster und Stephan Eichmann, Violinen, Anja-Alexandra Poster, Viola, Stefan Grové, Cello) besonders im zweiten Satz „Vivace“ dunkle bis gar düster gedeckte Farben vorschreibt, enthalten sich Taubitz und seine Mitspieler „schwanengesänglicher“ Anwandlungen. Vielmehr waltet auch hier der milde Atem des Abschieds, dessen verhauchtem Ausatmen immer auch wieder ein begehrend frisches Einatmen folgt. Sowohl in den Phrasierungen wie in der Gestaltung des einzelnen Tons folgt Taubitz diesem gleichsam natürlichen (Lebens-) Rhythmus und zelebriert so eine Musik unbedingter, wenn auch manchmal andersweltlich entrückter Lebendigkeit. Was freilich nicht ausschließt, dass das Quintett im Variationensatz des finalen „Poco allegretto“ nochmal alle gestümen Register zieht.

Lang anhaltender Applaus für einen Solisten, den man bei solch organisch ventilierter Kammermusik wie im Orchester vermissen wird – und für einen Abschied, der darin wie ein gereift einatmender Anfang klingt.

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