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The Art of Bespreching (sechs)

Kapitel sechs, worin ein veritabler so genannter „Verriss“ präsentiert wird. The Art of Bespreching besteht dabei darin, dass sich die Form des Textes über das „Verrissene“ unbedingt zu erheben hat – im empathischen Sinne wie in der Anhäufung des leidenschaftlichen Pathos. Überhaupt muss ein Verriss die Leidenschaft zeigen, die vom Besprochenen enttäuscht wurde. Will sagen: Es muss spürbar sein, wie sehr der Besprechende daran litt, dass er es verreißen musste. Ein Verriss soll das Verrissene retten, er muss ein „Dennoch“, ein „Trotz alledem“ benennen. Denn auch im Scheitern bleibt Kunst Kunst, bleibt ihr Bemühen sichtbar, das es zu vermelden gilt. Auch ein Verriss ist daher gleichsam solidarisch mit seinem Gegenstand, dem betrachteten Kunstwerk. Verrisse sind kein „Todesurteil“ oder „Henkerspruch“, sie sind poetische Widersprüche, die immer auch erahnen lassen sollten, was gewollt, aber nicht erreicht wurde.

53. Nordische Filmtage Lübeck 2011
Taten und Tutigkeiten eines Dichters
„Theodor Storm – So komme, was da kommen mag!“ (Martina Fluck, D 2011)

„So komme, was da kommen mag! / Solang du lebest, ist es Tag. / Und geht es in die Welt hinaus, / Wo du mir bist, bin ich zu Haus. / Ich seh dein liebes Angesicht, / Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht“, rief Theodor Storm in einem seiner letzten (und nicht unbedingt besten) Gedichte. Allein, knapp 125 Jahre in der Zukunft kommt so ein liebes Angesicht, die Schatten der Vergangenheit zu lichten: Literaturstudentin Vivien, ein hübsches, gelehriges, brünettes Mädchen, das Storm gefallen hätte und das neugierig naiv alles über Storm wissen will. Ihr zur Seite stehend und altväterlich dozierend Auskunft über Leben und Werk des Dichters gebend: der graumeliert storm-bärtige Sekretär der Storm-Gesellschaft Prof. Dr. Gerd Eversberg. So das zunächst einmal gar nicht unintelligente Setting für Martina Flucks Dokumentarfilm über Storm, sein Leben und Dichten.

Gott sende uns Dichtern solch gelehrig zugewandte Studentinnen und ihre Mentoren, wie er uns vor beiden bewahren möge – sagt Storm nicht, wohl aber so mancher Zuschauer. Denn Flucks wenn auch ebenso luzide wie minutiös recherchierte, sachlich durchaus erhellende Storm-Biografie gerät inszenatorisch zum zuweilen geradezu peinlich tutigen Desaster. Der traurige Gipfel solches sind der „Theodor Storms Chor“, den Storm einst selbst gründete, der nun heruntergekommen zum tutenden Laienensemble „Die graue Stadt am Meer“ wie ein wirklich schlechter Kirchenchor intoniert, und Studentin Vivien, wenn sie mit Häubchen (!) das „original“ Apfelkuchenrezept von „Frau Storm“ nachbäckt – um nicht sagen zu müssen: nachäfft.

Nicht nur diese dokumentarischen Inszenierungen muss man als vollständig misslungen bezeichnen. Auch, dass Fluck zur Bebilderung von Storms Lyrik wie seiner Novellentexte immer nur das naheliegendste, postgekartete Nordseebildambiente einblendet. Storms graue Stadt am Meer – und nicht nur die – verkommen darin zum romantisch falsch verstandenen Fachwerk-Grauen.

Dennoch. Der Dichter selbst legte solches Kommen, was da nun kam, an. Wusste er doch – und das zu zeigen, wenn auch unfreiwillig, ist das Verdienst des Films – um sein Nachwirken sehr genau. Zwischen all dem wohlfeilen Bilderblendwerk hören wir immer wieder seine Verse und genau komponierten Novellensätze, die sich in ihrer stillen Schönheit über solches so erheben, wie sie es schon zu seinen Lebzeiten über sein Leben taten. Über das Schnöde der Rezeption als „Heimatdichtung“, zu der sie damals verdammt waren und aus welcher Verdammnis weder Storm noch Fluck sie zu erlösen vermochten.

Selten hat man so gut Gemeintes und wie gesagt gut Angelegtes so gründlich scheitern sehen. Wie ja auch den Dichter, dessen Verkanntheit im bloß schleswig-holsteinischen und tutig nachgemalten Zeitkolorit ihm bewusst war und dem er wie damals hier erneut anheimfällt. Ein Missverständnis im Versuch eines tieferen Verständnisses, das sein Schicksal ist wie das des Films. Und geht dies in die Welt hinaus – selbst darin bleibt der Dichter doch zutiefst zuhaus. (jm)

„Theodor Storm – So komme, was da kommen mag!“, Deutschland 2011, 90 Min., DigiBeta, Buch, Regie: Martina Fluck, Kamera: Juergen Hoffmann, Schnitt: Stefan Schulze, Musik: Felix Raffel, Produktion: Martina Fluck, Yucca-Film-Produktion, www.yucca-filmproduktion.de.

Originalartikel hier.

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Sapere aude!

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Halloween – hallo? Geht’s noch?

Halloween, der helle Wahn … Seit zehn Jahren nervt diese Verkaufsförderungsveranstaltung der Süßwarenhersteller mit Kindern, die nach Sonnenuntergang durch die Straßen irrlichtern und deren Auftreten an Haus- und Wohnungstüren nichtsahnender Dritter bzw. Mitbürger mindestens mal auf Tatmerkmale der §§ 123 (Hausfriedensbruch) oder warum nicht gleich 125a (Besonders schwerer Fall des Landfriedensbruchs), 129 (Bildung krimineller Vereinigungen), 132a (Mißbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen: Hexen- und Zaubereruniformen!), 167 (Störung der Religionsausübung), 171 (Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht: Eltern, aufgepaßt!), 240 (Nötigung) und 241 (Bedrohung) StGB untersucht werden sollte. Und wenn wir schon dabei sind: § 236 (Kinderhandel) und 80a (Aufstacheln zum Angriffskrieg), bitteschön. Und wenn ich ausraste, dann greift am Ende noch 231 (Beteiligung an einer Schlägerei)!

Aber bitte! Wenn es denn gar nicht mehr ohne gehen will … Ich erwarte allerdings ein werbetechnisch und typographisch tadelloses Auftreten der zur Umsatzsteigerung angetreten Süßwarenindustriellen. Keine Geschmacklosigkeiten in Zeiten der Kulturkrise! Schließlich steht der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor!

Und dann finde ich im ergaunerten Warenbestand meiner Kinder dies hier.

Hallowaansinn

Also, liebe Firma Hans Riegel, Bonn, bzw. HARIBO-Holding GmbH & Co. KG! Das geht gar nicht. Bitte! Ich meine: Niemand hat etwas gegen den einen oder anderen gepflegten Kalauer, ein elegantes Wortspiel hier und da, ein Augenzwinkern allenthalben und allerorten. Aber das ist doch weder einfallsreich noch wortverspielt leichtfüßig noch sonst irgendwie ironisch distanziert, oder? HARIWEEN! Harry, hol schon mal den Müllwageen! War denn da wirklich nicht noch ein Groschen für nochmal Nachdenken in der Kleingeldkasse? Stattdessen zwingt man mich dazu, mich wieder so aufzuregen.

Darüber findet sich im StGB natürlich wieder nichts. Klarer Gesetzgebungsnotstand! Der Dumme ist wie immer der Kleinsparer. Das sind doch die Fakten!

Erwarte mir Besserung für 2012. Ausführung und Meldung!

Sapere aude!

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The Art of Bespreching (fünf)

Kapitel fünf, worin ein Requiem gesungen wird/werden muss. Dem Besprecher wird DURCH DEN TOD des Besprochenen eine besonders schwierige Aufgabe (und auch Verantwortung) zuteil. Dergestalt, dass eben diese Besprechung eines „Memorial-Konzerts“ über eine lange Zeit wohl die letzte presse-öffentliche Vermeldung über den Verstorbenen sein wird. Hier ging es um Heribert Kroll, Kieler Klarinettist und Saxofonist, der nicht nur die Kieler Jazzszene über drei Jahrzehnte begleitete und prägte, auch in ögyrs eineinhalbjahrzehntigem Besprechungskanon für die KN immer wieder ex- oder implizit vorkam. Den Nachruf hat bereits der ebenso geschätzte wie feinfühlig kundige KN-Kollege Manuel Weber drei Tage nach dem Tode Krolls in „unserer Zeitung“ vermeldet, ob der Kürze der Reaktionszeit allerdings notwendigerweise eher biografisch faktisch orientiert. Jetzt aber, eineinhalb Monate später, muss es zumindest ansatzweise um eine künstlerische Einordnung des Werks des Verstorbenen gehen. Schwieriges Unterfangen, das man als Besprecher am besten so löst, dass man die VORLÄUFIGKEIT dessen durchscheinen lässt. Hier wählte ich die Metapher der SPUR, die vom Künstler gelegt und von den Memorial-Bands wie mir nun aufgenommen wird …

Gewinn in einem schmerzlichen Verlust

Memorial-Konzert für den verstorbenen Kieler Jazz-Musiker Heribert Kroll in der Ricarda-Huch-Schule.

Von Jörg Meyer

Kiel. In allen sechs Combos von der Bigband bis zum Trio, die am Dienstag in der übervoll besetzten Aula der Ricarda-Huch-Schule (RHS) zum Memorial-Konzert aufspielten, fehlte er schmerzlich: Heribert Kroll, der am 21. September unerwartet verstorbene Klarinettist und Saxofonist, der über drei Jahrzehnte (nicht nur) die Kieler Jazzszene prägte – wie man hier noch einmal hören konnte.

Der Verlust durch seinen Tod ist allgegenwärtig spürbar, und doch zeigt sich ein Gewinn. Nämlich dass alle beteiligten, von ihm geprägten Combos weiterspielen. Heribert Kroll hat eine Saat gelegt, die auch ohne ihn aufblühen kann. Das hört man schon im Opener, den sein jüngstes Projekt bestreitet. Die Junior Bigband der RHS, deren Leitung Kroll erst im August übernahm, kurvt zwar noch etwas schleppend durch den Swing, aber bigband-klanglich schon ziemlich gewieft aufeinander abgestimmt. Auch wenn Kroll dem Swing besonders verbunden war, „für ihn gab es keine stilistischen Barrieren“, so Arvid Maltzahn, Moderator und Bandkollege bei den von Kroll und Jens Köhler gegründeten Sultans Of Swing. So hätte sich Kroll wohl genau wie das ausgelassen mitklatschende Publikum über den frischen New-Orleans-Sound von Schleswig-Holsteins einziger Marching-Band, der Get Happy Brassband, gefreut. Zumal sie das Motto zu diesem Abend aus zwar traurigem, aber doch hoffnungsvollen Anlass ausgibt: „Keep On Smiling“.

Und swinging – mit den Sultans Of Swing. Sie haben die wohl bekannteste Weggefährtin Krolls ans Mikro eingeladen: Olivia Molina schaffte 2000 ihr Comeback als Jazzsängerin mit Kroll als Arrangeur und musikalischem Leiter. Wenn Molina, begleitet von den samtzarten Bläsern der Sultans und Vera von Reibnitz’ sensiblem Tastenwerk, „As Time Goes By“ anstimmt, ist das freilich wie ein kleines Requiem, und man darf die ein oder andere Träne im (Klarinetten-) Knopfloch haben.

Wie bei den Sultans hat auch in Krolls vor zwei Jahren ins Leben gerufenem Latin-Funk-Projekt Funcubello Jiri Halada den Klarinetten-Saxofon-Part spontan übernommen. Mit den jungen Jazzern Loredana Todor-Sapcu (p., keyb.), Dimitar Bonev (E-Bass) und Daniel Sapcu (dr.) sei er „schon nach ein paar Bieren einig gewesen“, kommentiert Halada die gern übernommene Nachfolge Krolls in diesem ungemein spritzig Latin und Funk verbindenden Quartett. Nicht minder funky agiert das ebenfalls von Krolls vielfältigen Interessen in fast allen Genres des Jazz inspirierte Trio harDholz. Und sogar das HK (Memorial) Quintett, das Kroll 1983 gründete und das sich noch einmal in der ursprünglichen Besetzung zusammengefunden hat, wirkt in seinem gediegenen Bebop wie aus einem Jungbrunnen entstiegen.

So hat uns der traurige und viel zu frühe Tod Krolls – wohl sehr in seinem Sinne – einen Abend bereitet, der nicht nur ganz nebenbei ein Porträt der Kieler Jazzszene in ihrer genre- und generationenübergreifenden Vielfalt entwirft. Als Gewinn bleibt auch das Vermächtnis eines Jazz-Musikers, der Spuren hinterlassen hat, die wie ganz frische weiter verfolgt werden und worin Heribert Kroll klingend weiterleben wird.

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Sapere aude!

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