dierck & meyer mediengestaltung

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The Art of Bespreching (null/eins)

Wie fleißige Leser dieses Blogs unserer kleinen, aber umso feineren Firma dierck & meyer mediengestaltung vielleicht schon wissen, arbeitet d&m’s ögyr auch intensiv als Kulturjournalist (hauptsächlich für die „Kieler Nachrichten“). Schon über 15 Jahre bei dem Laden und daher in dessen alltäglicher Praxis recht versiert, verspürt ögyr das wenn in keinem Fall drängende, so doch ihm wortwasserlässlich dringliche Bedürfnis, sein Wissen über die Gestaltung von feuilletonistischen Artikeln wenn nicht weiterzugeben, so doch gleichsam „archetypische“ Einblicke in die Schreibwerkstatt, in „The Art of Bespreching“, wie er das hier mal bewusst frotzelnd nennen möchte, zu geben. In lockerer Folge wird ögyr diesen Blog also nutzen, nicht sich und seine Artikel willfährig zu reproduzieren (ja, unausweichlich auch das), sondern – durchaus auch mit ironischem Blick auf das eigene Schreiben – exemplarisch zu zeigen, wie Schreiben für ein Feuilleton im Alltag geht – oder auch manchmal steht, also stilblütend misslingt.

Wir starten mit Kapitel eins, worin gezeigt wird, wie man dem Jazz die zerrockten Leviten ausliest, die der Fuß in den „Schuhen längst schon verschränkten Leders“ (Wolfgang Wanner) sowieso schon gewippt hat, um endlich mal wieder etwas Originelles über „boring“ Jazz-Konzerte in noch mehr „boring“ Clubs bei einer wiederum noch enormer „boring“ Fritz-Cola zuckerfrei zu verzeichnen:

Explosiv gezügeltes Drängen

Das Jazz-Quartett OZMA mit eigenwilligem Sound im JuMe.

Von Jörg Meyer

Kiel. „Wir sind zwar ein Jazz-Quartett, aber manchmal probieren wir auch, eine Rockband zu sein“, gesteht Drummer Stéphane Scharlé, dessen Herkunft „vom Metal“ man ebenso bereits gemerkt hat wie das Liebäugeln des Straßburger Quartetts OZMA mit dem Rock – genauer: mit dessen Stürmen und Drängen.

„Jazz explosif“ nennen Scharlé, Adrien Dennefeld an der Gitarre und Komponist der meisten Stücke, Saxofonist David Florsch und Edouard Séro-Guillaume auf dem in der Tat sehr rockig gespielten E-Bass ihr eigenwilliges Jazz-Idiom, zu dem der Titel „Peacemaker“ des neuen Albums, das sie auf Einladung des Institut français de Kiel im JuMe vorstellen, nicht so recht passen will. Denn hier wird permanent an Lunten gezündelt, auch wenn man die Knallbonbons nicht wirklich zur Explosion bringt, vielmehr den Zustand des nervösen Drängens bis zur äußersten Gespanntheit treibt, simple Explosion wäre nur Erleichterung, Erfüllung, doch darum geht es OZMA nicht.

Zumal das mit „wir probieren mal Rockband zu sein“ angekündigte „Rain Cadenza“ das wohl lyrisch mildeste Stück des Abends ist. Dennefelds einleitendes Gitarren-Loop hat einen Anflug von Melodik, aber es auch in sich, denn es ist Ausgangspunkt für eine Verdichtung und Intensitätssteigerung, die dennoch stets am Zügel bleibt. Selbst im kreativen Klangverdichtungschaos wirken OZMA so cool, wie Hardbop ist, statt so „hot“, wie man es dem Rock zuschreibt. Jazz eben, der mit dem Rock allenfalls intensiv flirtet, sich aber nicht zu ihm ins hart gemachte Bett legt.

Der Zügel des Widerparts, der am drängenden Explosivgemisch zerrt, funktioniert auch umgekehrt bestens. Nämlich in den zumindest vom Tempo her etwas ruhigeren, weniger nervösen Stücken werkt unter der gelassenen Oberfläche ein mit den Rockhufen scharrendes Uhrwerktier, das – wehe, wenn es losgelassen – im Zaumzeug der intelligent aufgebauten Arrangements eine viel beeindruckendere Figur macht denn als Furie. Etwa in der klanglichen Hommage an Jim Jarmuschs Film „Dead Man“ und dessen Filmmusik von Neil Young. Dennefeld taucht hier die Gitarre in ein Hallmeer, das zweierlei bewirkt: einerseits eine sphärisch meditative Stimmung, zum anderen aber einen ungestümen Klangrausch. Der berühmte Tanz auf dem Vulkan wie auch in „Vilnius And Dance“, einer Hommage an das nordische Jazz-Idiom auf dem Saxofon. Dessen zwar lyrischem, aber dennoch eigentümlich kantig-sperrigem Geang legen die mit weichen Klöppeln hohl und hölzern geschlagenen Trommeln das Halfter an, erden ihn, damit er nicht zu früh abhebt ins wenig später wieder einsetzende gut organisierte Klangchaos.

Ein Jazz, der seine explosiven Energien aus der Auskostung von Gegensätzen bezieht, der stets stürmt und drängt, aber nicht bloß rock-exaltiert losgelassen wird und so sich nicht einfach nur gewittrig entlädt. Darin sind OZMAs Kompositionen durchaus auch filmisch gedacht, wie die Band am heutigen Freitag in der Pumpe beweisen wird, wo sie Carl Theodor Dreyers 1932 gedrehten Stummfilm „Vampyr“ mit klang-bissigen Zähnen versehen wird.

Heute (Freitag) 21 Uhr, Pumpe (Saal).

(KN, 28.10.2011)

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Sapere aude!

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