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The Art of Bespreching (vier)

Kapitel vier, worin eine Filmbesprechung gezeigt wird, die vielleicht etwas zu unverhohlen für den Film plädiert. Was vorkommen kann, wenn sich der Besprecher zweierlei bewusst ist (und dieses Bewusstsein auch dem geneigten Leser nicht verhehlt): Nämlich, wenn ihm ad primum die Überschrift, an der er dann entlang schreibt, ganz direkt, noch während der Schau des Films „einfällt“ (um nicht zu sagen: sie drängt sich ihm auf – woher?), und er ad secundum insofern nicht in der Distanz der ansonsten bei Besprechungen hilfreichen „Unbeteiligtheit“ oder auch „journalistischer Distanz“ (welche – aber das ist eine noch andere, erkenntnistheoretische Geschichte — womöglich ohnehin immer bloß Schimäre ist) verharrt, als ihn das zu besprechende „Objekt“ auch „subjektiv“ berührt. Im vorliegenden Beispiel liegt bei jm/ögyr zwar keine (oder nur weitaus gelinderere, alltagsdrogistischere) Drogenkarriere vor, dennoch die eigene Erfahrung, wie man sich aus Abgründen mit Hilfe anderer Schöpfe emporziehen kann und muss, immer gewiss der Möglichkeit des wiederum Versinkens. Was nicht zuletzt eine Metapher ist für alles Schreiben, für alle Kunst und sogar das Leben „an sich“. Journalistisches Schreiben ist in gewissem, hier deutlich werdenden Sinne auch immer Bekenntnis zur eigenen Beteiligtheit, sei sie im Akt des Schreibens auch nur angenommen und SOLIDARISCH imaginiert oder sogar qua METATEXT konstruiert im Sinne des zu Beschreibenden.

53. Nordische Filmtage Lübeck 2011

Auferstehen aus den eigenen Ruinen

„Zurück in Bismuna“ (Uli Kick, D 2011)

„Es ist hier eigentlich ganz einfach: Wer essen will, muss arbeiten, Wasser holen, Brennholz sammeln, anpacken“, weiß Dieter Dubbert, Pädagoge und Sozialarbeiter, der im nicaraguanischen Dschungel seit rund 15 Jahren drogensüchtige Jugendliche betreut, die in Deutschland an allen Therapie- und Resozialisierungsmaßnahmen scheiterten. Schon 1999 stellte Uli Kick Dubberts Projekt, das die delinquenten Jugendlichen im Dorf Bismuna an der nicaraguanischen Atlantikküste auffängt und versucht, sie – trotz des drakonischen Statements liebevoll – wieder an das Leben heran und aus dem Zirkel von Drogen und Kriminalität heraus zu führen, in seinem Dokumentarfilm „Bismuna – ein Abenteuerfilm“ vor. Nach elf Jahren ist er „Zurück in Bismuna“ und schaut nach, was aus dem Resozialisierungsprojekt und dreien der damals dort angetroffenen Jugendlichen geworden ist.

Eigentlich „hoffnungslose Fälle“ waren Christian aus Lübeck, Moritz aus Kiel und Finn aus Hamburg, als sie in die Dschungeleinöde Nicaraguas kamen, um dort, wo an Drogen wie an „junkie-typisches Ausweichen vor der Situation“ aus rein praktischen Gründen nicht zu denken ist, wieder „sozialfähig“ zu werden. Alle drei hatten die „typischen Karrieren“ hinter sich: lieblose, weil überforderte Eltern, Heimaufenthalte, Renitenz, Flucht in die Droge, Beschaffungskriminalität, Gefängnis … Kicks erster Bismuna-Film zeigte, wie die drei ganz allmählich zurück zu sich fanden – über die harte Arbeit, die der Lebensunterhalt an diesem „Ende der Welt“ erfordert. Was dem damals 17-jährigen Christian am Anfang „wie Folter und KZ“ vorkam, erwies sich für ihn bald als neue, zudem erstmals von Zuwendung begleitete Erfahrung seines Selbst, als Auferstehung aus den Ruinen des eigenen noch jungen Lebens. Noch ein Jahrzehnt später ist er Dieter Dubbert und dessen Mitarbeiterin Annette Zacharias dafür dankbar, auch wenn er nach dem Ende der „Maßnahme“ recht bald wieder auf die schiefe Drogenbahn geriet und sich bislang nicht aus ihren Fesseln befreien konnte.

Dieter Dubbert – seit mehr als einem Jahrzehnt engagiert er sich für drogensüchtige Jugendliche (Foto: NFL)

„Weil ihm zu wenig Zeit gegeben wurde“, weiß Dubbert heute. Denn die gedankenlosen Gesetze, denen Jugendämter folgen müssen, bewirken, dass die von Dubbert in seinem Projekt betreuten Jugendlichen aus diesem zwangsentlassen werden, sobald sie volljährig sind, obwohl noch nicht fähig, selbstverantwortlich für sich zu handeln und zu sorgen. Dennoch haben es die beiden anderen Protagonisten, Moritz und Finn, geschafft, sich aus dem Drogenkarussell zu befreien und einen, wenn auch hakenreichen, Weg zu einem „normalen“ Leben einzuschlagen. „Eine Erfolgsquote von Zweidritteln“, lächelt Dubbert nach elf Jahren und hat damit eine weitaus bessere als andere Versuche der Resozialisierung stark drogenabhängiger Jugendlicher. Gleichwohl: Dubberts Projekt wurde damals bezweifelt und wird es noch heute, hat zudem nach wie vor einen schweren Stand, da die aktuell verschärfte Gesetzeslage Rehabilitierungen im Ausland nur noch in Ausnahmefällen zulässt. Kicks beide Filme sind nicht zuletzt ein Plädoyer, solche Projekte nachhaltiger zu unterstützen.

Über diesen sozialpolitischen Aspekt hinaus ist „Zurück in Bismuna“ aber auch ein Porträt vierer Menschen (Dubberts und seiner drei ehemals betreuten „Kinder“), das in seiner Nähe zu ihnen ungemein be(d)rückend und zutiefst menschlich-human ist. Die Langzeitbeobachtung zeigt, wie schwer es ist, nach einer so tiefgreifenden Krise, wie sie Drogenabhängigkeit bedeutet, ins Leben zu zurückzufinden, und thematisiert dabei auch die Frage, welchen Sinn denn das wünschenswerte „normale“ Leben für solche Menschen – ja, überhaupt – haben könnte. Finn, der nach der „Entlassung“ mangels Alternativen in Nicaragua blieb, sich dort verliebte, heiratete, sich jedoch nach einem tätlichen Angriff seiner Frau wieder von ihr trennen musste, in Nicaragua auf einer spanischen Schule schließlich sein Abitur bestand, zurück nach Deutschland ging, studierte und heute als selbstständiger Mediendesigner arbeitet (freilich immer noch allein, bis auf seinen treuen Freund, einen Hund), augenzwinkert: „Ich bin von den Drogen weg und hab’ halt ’ne deutsche Normalität in mein Leben gekriegt.“ Auch Moritz ist nach „einigen weiteren konfusen Runden“ im von der Droge diktierten Leben und nach immer wieder Fluchten quer über den Erdball nun in einem so genannt „normalen“ Leben angekommen. Nach einer Karriere als Restaurant- und Bar-Manager in Australien lässt er sich heute in Hamburg zum Toningenieur ausbilden.

Aber was heißt schon „normal“? Die Schicksale der Protagonisten in Kicks Film stellen dies angeblich „Normale“ in Frage, zeigen uns vielmehr, wie Leben durch immer wieder Neuanfänge gewinnen, sich entwickeln, trotz oder gerade wegen ihrer Ver- und Geworfenheit Vorbild sein könnten. So auch Dubbert, der mit seinem Projekt an anderem Ort in Nicaragua neuanfangen musste, nachdem am Strand von Bismuna, an dem die mittelamerikanische Drogenroute in die USA direkt vorbeiführt, Drogenpakete angeschwemmt wurden, die das Leben im Dorf verheerten, weil die dort heimischen Armen mit dem schnellen Geld aus dem Verkauf der gefundenen Drogen das hundertfache von dem verdienen konnten, was ihnen etwa Landwirtschaft einbrachte. Doch Dubbert „mag Neuanfänge“, auch den, den er jetzt machen muss, seit er an Krebs erkrankte.

Und was heißt schon Erfolg einer Therapie zum Leben? Eben den, dass selbst Christian, dessen Spur Kick nach elf Jahren im Drogensumpf Berlins erst mühsam wieder auffinden musste, der sich dem Filmemacher und uns Zuschauern dann aber umso mehr öffnet, sein erneutes Drogenleben bedrängend intensiv zur Schau stellt – „weil: du zeigst das doch bestimmt Jugendlichen, die müssen sehen, wohin das führt“ –, nach all den Rückfällen, nach all dem Scheitern, nach all dem Versagen an sich selbst doch nicht den Mut verloren hat, sich nocheinmal in Entzug und Therapie zu begeben. Diesen Mut hatte einst Dubbert in ihn gepflanzt – den Mut, nach allem wiederholten Fallen immer wieder aufzu(er)stehen aus den eigenen Ruinen. (jm)

„Zurück in Bismuna“, D 2011, 89 Min., HDCAM. Buch, Regie: Uli Kick, Kamera: Stefan Schindler, Waldemar Hauschild, Krzysztof Ordon, Uli Kick, Schnitt: Gaby Kull Neujahr, Produktion: Uli Kick, filmworks.

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