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The Art of Bespreching (zwei)

Kapitel zwei, worin vermeldet wird, wie aus der Gnade des Unverständnisses und Zauderns doch der Text erwächst, der sich vielleicht am nähesten am beschriebenen Kunstwerk bewegt, indem er die Verstörung durch dieses spüren lässt. Fast vollständig schon „on site“ beim Wandeln in diesem Bunker durch diese selten-seltsame Musik notiert, wovon der Pencast gewisse geschriebene, nachher nur noch redaktionell überformte, wie hörbare Auskunft gibt.

Dämmernde Polyphonien des Raums

chiffren-Konzert: Duo reflexion K und Ensemble voces Berlin im Flandernbunker

Von Jörg Meyer

Kiel. Bedrückend tief und dadurch hall-intensiv hängen die meterdicken Betondecken im Kiel-Wiker Flandernbunker, öffnen sich zum Bombenschacht über dem Treppenhaus. Leise knirschen die Schritte der umhergehenden, den (Klang-) Raum erforschenden Zuhörer – wie draußen gegenüber die der Wachtposten am Marinehafen. Oder ist es doch einer der übersteuerten elektrischen Filter, aus deren nur teilweise planbaren Klängen der Eckernförder Komponist (und als Cellist neben der Flötistin Beatrix Wagner ein Teil des Duos reflexion K) Gerald Eckert sein „Aux mains de l’espace“ destillierte?

Auch Eckerts „Gegendämmerung“ für Stimme und Flöte, seine vokal-instrumentelle „Annäherung an Petrarca“ sowie die elektronisch verfremdeten bis ausgemendelten Klänge in „Prisme – du fond d’un naufrage“ und „Nen IV“ sind solche klanglichen Ver- und Durchmessungen des Raums, der wiederum die Klänge eigentümlich reflektierend formt. Eine Kompositionstechnik, die nicht erst die Neue Musik erfand. Schon Guillaume de Machauts „Messe de Nostre Dame“ (1360), ein Schlüsselwerk der frühen Mehrstimmigkeit, welches das Ensemble voces Berlin bewusst aufgeteilt nach der liturgischen Funktion unter Eckerts rund 650 Jahre später entstandene Kompositionen mischt, erforschte die Möglichkeiten der Polyphonie nicht allein entlang des Parameters Tonhöhe, vor allem auch, wie diese den Raum aufspannt, gestaltet und sinnlich, sinnend wie sakral durchdämmert.

„Gegendämmerung“ heißt treffend das Motto des chiffren-Konzerts an ungewöhnlichem Ort – als dämmerten die Klang- und Raumerforschungstaktiken der Neuen Musik schon im 14. Jahrhundert herauf. Im Flandernbunker, wo man während des Wandelkonzerts auch an Bombenresten vorbeistreift, gegen die der Bunker einst die Wehr sein sollte, selber welche zu werfen, wird Geschichte nicht nur über Zeitalter hinweg, sondern auch als Raum, wie er klingt und geklungen hat, polyphon und polyhistorisch höchst eindrücklich hörbar.

(KN, 13.10.2011)

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