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The Art of Bespreching (acht)

Kapitel acht, das sich in die Gewöhnlichkeitsniederungen des klassischen Feuilletons begibt und darin dennoch gewisse Höhen auszumachen und aufzuschreiben sucht. Will sagen: Die Besprechung eines ganz gewöhnlichen – wenn auch als Abschiedskonzert für ein langjähriges und verdientes Mitglied des Kieler „Noch-nicht-ganz-A-Orchesters“, wohl nur in der Besprechung so zelebrierten – Kammerkonzerts an irgend so einem unbedeutenden Montag fordert umso mehr den berühmten „roten Faden“, also eine zu erzählende „Geschichte“, als sie sonst zum konfektionierten Feuilletongeplapper verkäme – oder in solchem verdämmerte. Ebenso wie man sich fragt, warum jetzt auch noch dieses oder jenes Konzert hat sich ereignen müssen, fragt man sich oft auch, wie und warum es in einen dürren Einspalter des Feuilletons Eingang gefunden hat. Dennoch – oder auch „trotz alledem“: Kultur hat gerade in ihren gewöhnlichen, staubtrocken unausgekehrten Ecken, also an jenem alltäglichen Rande zuweilen Preziosen zu bieten, die es zu entdecken gilt, indem man solche Ecken erzählt. Indem man dem Gewöhnlichen eines handelsüblichen kleinen Kammerkonzerts das ablauscht, was immer schon ungewöhnlich ist, sobald Kultur nicht nur Gewöhnung ist. Der Besprecher muss dafür etwas wagen, denn der „rote Faden“, den er hier schon in der zwar gewöhnlich, aber doch ganz nett alliterierenden Überschrift spinnt, ist womöglich nicht der, den (a) die Komponisten und (b) die Interpreten woben. Und womöglich gefiele den Künstlern Gewöhnlicheres mehr als hier Geschriebenes. Den Besprecher dürfen solche Erwägungen nicht anfechten. Vielmehr ist er aufgerufen, den gewöhnlichen Duktus des Feuilletons mit Überraschendem „anzufüttern“. Wenn denn – wie hier – die Künstler es vermochten, zwei ganz gewöhnlichen Werken der klassischen Kammermusik ihre Ungewöhnlichkeiten zu entlocken. Gelingt beides, darf die Besprechung formal mit den Üblich- und Gewöhnlichkeiten bildungshubern. ((BTW: Wie hier unerwähnt sollte man allerdings die auch ganz hübschen Eindrücke des besprechenden Eckenstehers lassen, wenn er – selbst Angehöriger desselben – nebenbei das grauhaarig GRÜN (wenn es hoch kommt oder chic ist: die LINKEN) wählende Bildungsbürgertum (als „MILF“ jung gebliebene und immer noch in „Ju(r)te statt Plastik“ gehüllte Muttis mit ihrem nicht nur musikalisch hochbegabten Nachwuchs, der hier in die gewöhnlich höheren Weihen bildungsbeauftragt eingeführt wird) beobachtet, wie es derlei gewohnt ungewöhnliche Kultur zur reich applaudierenden Kenntnis nimmt, indes der Besprecher, der sich berufsbedingt neugierig zumindest gebärdet, hier „job-begleitend“ Musik neuentdeckt, die ihn nicht nur diese Nacht, sondern noch ein paar Wochen begleiten und inspirieren wird.))

Atem des Abschieds

Abschiedskonzert von Soloklarinettist Gunnar Taubitz im Opernfoyer

Von Jörg Meyer

Kiel. 38 Jahre war er Soloklarinettist des Kieler Philharmonischen Orchesters und spielte dabei unter jeweils acht Intendanten und Generalmusikdirektoren, nun verabschiedete sich Gunnar Taubitz mit einem Kammerkonzert im Opernfoyer in den wohlverdienten Ruhestand. Dass er dabei auf typische Virtuosenstücke verzichtet und stattdessen zwei Alterswerke der Romantik und des Fin de siècle präsentiert, zeigt sein Gespür für den weise atmenden Charakter seines Instruments.

Dabei schrieb Johannes Brahms 1891 sein „Trio a-moll für Klarinette, Cello und Klavier, op. 114“ durchaus für einen Virtuosen, den befreundeten Klarinettisten Richard Mühlfeld. Doch weniger virtuose Schnörkel als den ruhig fließenden Atem legte er ihm auf die Klappen. Zusammen mit dem auch im Forte sensibel zurückhaltenden Pianisten Reinhard Brede und Stefan Grové, der das Cello zuweilen mit etwas zu jugendlich sprühender Verve streicht, folgt Taubitz Brahms’ beinahe schlicht-stillem Entwurf, entfaltet in ruhigem Fluss die je nach Register charakteristisch unterschiedlichen sanglichen Qualitäten der Klarinette. Eine Leidenschaft, die vor allem in ihrer Verinnerlichung glänzt, allenfalls im Trio des „Andante grazioso“ sich zu ländlerhafter Spielmannsfröhlichkeit verführen lässt. Ein Abschied in der Zuversicht, dass man nach „Effekten“ nicht (mehr) zu haschen braucht, zumal in der mildesten, untragischsten der Moll-Tonarten.

Epochen- wie charakterbedingt fällt Max Regers letztes Werk, das „Quintett A-Dur für Klarinette und Streichquartett, op. 146“, deutlich emotionaler aus. Doch obwohl Reger den Streichern (Nora Piske-Förster und Stephan Eichmann, Violinen, Anja-Alexandra Poster, Viola, Stefan Grové, Cello) besonders im zweiten Satz „Vivace“ dunkle bis gar düster gedeckte Farben vorschreibt, enthalten sich Taubitz und seine Mitspieler „schwanengesänglicher“ Anwandlungen. Vielmehr waltet auch hier der milde Atem des Abschieds, dessen verhauchtem Ausatmen immer auch wieder ein begehrend frisches Einatmen folgt. Sowohl in den Phrasierungen wie in der Gestaltung des einzelnen Tons folgt Taubitz diesem gleichsam natürlichen (Lebens-) Rhythmus und zelebriert so eine Musik unbedingter, wenn auch manchmal andersweltlich entrückter Lebendigkeit. Was freilich nicht ausschließt, dass das Quintett im Variationensatz des finalen „Poco allegretto“ nochmal alle gestümen Register zieht.

Lang anhaltender Applaus für einen Solisten, den man bei solch organisch ventilierter Kammermusik wie im Orchester vermissen wird – und für einen Abschied, der darin wie ein gereift einatmender Anfang klingt.

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Sapere aude!

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The Art of Bespreching (sieben)

Kapitel sieben, worin (sonst weniger angebrachte) Emphase bei der Besprechung insofern zu spüren ist, als der hier porträtierte Olli „Dittsche“ Dittrich seinerzeit etwa das machte, was auch die d&m-Redakteure ögyr und Ingo ihrerzeit „rumkasperten“. Weil nämlich das „Zuhandensein“ (wie es Heidegger einmal nannte) von „vorhandenen“ Produktionsmitteln wie eines alten (noch röhrenbetriebenen) 4-Spur-Tonbandgerätes offenbar gleichsam automatisch Potenzial für kreativen Unsinn freisetzt. Ohne uns (also die d&m’s und deren damalige Schulfreunde Eckhard und Axel) mit dem Dada-Dreamteam Dittrich/Boning vergleichen zu wollen, so waren wir doch damals, in den späten 70ern, auf einem ähnlichen Tripp (vergleiche hier: Clips aus der „Wurks-Kassette No. 3“), der wiederum jetzt, Jahrzehnte später, eine Besprechung möglich macht, die zumindest in Ansätzen die EMPHASE DER PRODUKTION mehr als nur besprechend/beurteilend nachzuempfinden weiß – und womöglich in den berühmten „zwischen den Zeilen“ auch mitteilt. Eine Ungestümheit, die sich bei uns damals noch nicht, bei Olli Dittrich freilich umso mehr zur Kunst formte. Und daher muss auch der letzte Satz so lauten, wie er lautet – und direkt in den Jubel einschießen, der aus der damaligen Beschäftigung mit dem „Medium“ herrührt.

Kreativität des Rumkasperns

Olli Dittrich berichtete im metro-Kino höchst amüsant aus seinem „wirklich wahren Leben“.

Von Jörg Meyer

Kiel. „Das war wildes Rumgekasper, aber alles war erlaubt“, schwärmt Olli Dittrich von den wilden Zeiten in den 90ern, als er zusammen mit seinem „gefiederten Freund“ Wigald Boning, beide damals noch recht unbekannt, bei Premiere die von dem Pay-TV-Sender ungeliebten Zeiten freier Ausstrahlung ganz beliebig mit Blödsinn füllen durfte. Noch bevor die beiden als „Die Doofen“ den Schlagersumpf aufmischten und Grimme-Preisträger Dittrich als „Dittsche“ „das wirklich wahre Leben“ und TV-Geschichte schrieb, wurde eine Form der Comedy geboren, die so gaga wie intelligentes Dada war und ist – und bei Dittrichs Lesung im ausverkauften metro-Kino Kultstatus nicht erst erringen muss.

Dittrich war schon als Jugendlicher das Paradeexemplar für die unbändig überbordende Kreativität eines „Spring-ins-Feld“. Davon erzählt er uns höchst amüsant im ersten „Set“ seiner Lesung aus „Das wirklich wahre Leben“, einem Buch, das aus Interviews mit der Journalistin Anne Ameri-Siemens entstand, das Dittrich mit absurden Anekdoten anreicherte und das schon von daher nicht einfach eine der „blöden Biografien“ ist, sondern Zeugnis jenes höheren Unsinns, den Dittrich wie kaum ein anderer zur Kunstform entwickelte. Seine Vorbilder sind dabei Loriot, der vergessene Satiriker Heino Jaeger, dessen Wiederbelebung Dittrich eine Herzensangelegenheit ist, und nicht zuletzt heimliche Humoristen wie Rudi Carrell, dessen Angebot „Will’su Brühe?“ aus „dem Getränkeautomaten eines Paten“ ein Geheimwitz ist, in den uns Dittrich parodistisch grandios einweiht und so zu komödiantischen Mitwissern macht.

Denn man lacht mit Dittrich über seine verschrobenen Einfälle umso mehr, wenn man erfährt, wie er auf all die kreativen Kaspereien kam. Die TV- und Sub-Kulturen der 70er Jahre muss man dafür kennen, die Dittrich uns komisch-selbstironisch nahebringt: Die TV-Serie „Raumpatrouille Orion“ etwa, deren aus heutiger Sicht etwas tutige Zukunftsvisionen er als Kind „im unterbelichteten Wandschrank, aber mit Lichtgeschwindigkeit“ nachspielte. Fernsehen „mit Cola und Haribo-Colorado oder TRiTOP Kirsch-Orange“, Tarzan, der Western-Serie „High Chaparral“ und dem ebenso schrägen wie geheimen Olli-Favoriten „Jugoslawia do badan“. Die „Jingler’s Jeans mit Schlag und Glöckchen“, mit der er einst jeden modischen Parka ausstach. All „so Kalauerzeug“ halt, das er daraus in den nie – jetzt aber – veröffentlichten Liedtexten zusammen mit Boning ad hoc und am Fließband produzierte.

Und natürlich Fußball, die Leidenschaft für den Hamburg-Langenhorn-heimatlichen HSV und dessen Ikone und Dittrichs Idol Uwe Seeler. An den träumt sich Dittrich in der nicht nur hoch komischen, sondern wie bei aller guten Komik auch rührenden Geschichte heran: Uwes Achillessehne ist durch, und nu’ muss statt seiner „der dürre Spargel“ ran. Die Flanke kommt von links, direkt aus dem Unsinn, Dittrich müsste schießen … Und Dittrich schießt! – Toor! Toor! Toor!

Weitere Lesung im metro-Kino am 19. Dezember, 20 Uhr (leider auch schon ausverkauft!)

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