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The Art of (Vor-) Bespreching (neun)

Kapitel neun, worin gezeigt wird, wie man ein schwieriges geistes- und kulturwissenschaftliches Thema (eventuell) auch der zwar nicht breiten, aber dennoch halbwegs gebildeten Leserschaft des Feuilletons einer ganz normalen regionalen Tageszeitung zugänglich machen kann. Wiedermal das Problem des so genannten „Herunterbrechens“. Man muss einfach, „verständlich“ bleiben, darf aber dennoch eben den Leser oder die Leserin voraussetzen, die derlei überhaupt lesen – und das aus einer Mindestgebildetheit heraus. Auch soll man den Leser und die Leserin nicht niedermachen, indem man sie unterschätzt. Viel mehr wird verstanden, als man meint. So darf auch hier manches fremdwörteln, latinisiert sein, der Leser wird’s schon richten. Nochmal „zumal“: Es geht ja gerade hier um den Konnex von so genannter „Hoch-“ und „Trivialkunst“, also um eben das Bindeglied, das hier verhandelt wird. 42 Min. höchst interessantes und auf vieles weiterdeutendes Telefon-Interview mit dem Symposium-Initiator Norbert M. Schmitz müssen sich mal wieder (zeilen-) beschränken auf die dann doch wieder simple Informationsvergabe (Termine und so). Schön, wenn es gelingt, manches Nachdenkenswerte (zumindest für Kunstinteressierte) dennoch hinein zu kassibern. (Im Schreiben an dem Artikel, was ja, so verstanden, auch ein bisschen Kunst ist, dachte ich: Kunst ist Spurensicherung. Also gilt es, hier welche zu legen.)

Medialer Mythos in davongelaufenen Bildern

Das interdisziplinäre Symposium des Forums der Muthesius Kunsthochschule untersucht „Filmische Künstlermythen“.

Von Jörg Meyer

Kiel. Jan Vermeers berühmtes Porträt „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ kennen heutzutage viele eher aus dem gleichnamigen „Bio-Pic“ von Peter Webber über Vermeer und die (vermeintliche) Entstehungsgeschichte des Gemäldes als von Angesicht zu Angesicht im Museum. Und auch bei van Goghs abgeschnittenem Ohr hat mancher Kirk Douglas im Hollywood-Film von Vincente Minnelli vor Augen und nicht des Malers Selbstporträt nach der Selbstverstümmelung.

Wie der Film, insbesondere filmische Biografien („Bio-Pics of Artists“), den Mythos von der Kunst und dem (leidenden) Künstler prägen und wie damit Kunst in einen vielschichtigen Dialog mit sich selbst tritt, untersucht das von Norbert M. Schmitz, Ästhetik-Professor an der Muthesius Kunsthochschule, konzipierte interdisziplinäre Symposium „Filmische Künstlermythen – Die mediale Produktion der Kreativität“.

„Film und Fernsehen haben heute bei der Begegnung mit bildender Kunst Museum und Galerie den Rang abgelaufen“, diagnostiziert Schmitz. „Sie prägen unser Bild von Kunst, dem Künstler und dem Kreativen viel mehr als das originale Kunstwerk, Kunst wird uns zunehmend medial vermittelt.“ Einerseits sei das positiv, weil so der Kunst ein Massen-Forum gegeben werde, andererseits entstünden so Mythen vom Dasein als zwar freier, sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzender, aber daran leidender Künstler, die auch viele von Schmitz’ Studenten „im Kopf haben“, wenn sie sich für ein Kunststudium entscheiden. Hinzu kommt, dass die Kunstwissenschaft erst allmählich ihre akademische Deutungshoheit aufgibt und sich mit der Spiegelung von Kunst in einem Medium wie Film beschäftigt, das lange Zeit als rein kommerziell und daher nicht „künstlerisch“, sondern „mit schelem Seitenblick“ angesehen wurde. „Der Kunstgeschichte sind indes die bewegten Bilder davongelaufen“, weiß Schmitz aus eigener Erfahrung im Wissenschaftsbetrieb als sowohl Kunst- als auch Medienwissenschaftler.

Das Symposium, aus dessen Diskussionsbeiträgen eine Publikation entstehen soll, die zeigen werde, „dass an der Muthesius Kunsthochschule auch geforscht wird“, soll nun Licht in solche früheren „blinden Flecken“ der Kunstwissenschaft bringen, indem es untersucht, wie Medien (namentlich Film), Kunst, Kunstwerk, Künstler – und nicht zuletzt auch Kunstgeschichte – in gegenseitiger Projektion Mythen von einander erzeugen und auch wieder dekonstruieren. Neben den schon genannten Filmen (Wolfgang Knapp: „Genie, Wahn, Biografie und künstlerische Arbeitsweisen – Vincent van Gogh im Film“, Fr, 10 Uhr; Christoph Wagner: „Das Mädchen mit dem Perlenohrring – Konstruktion eines filmischen Paradigmas“, Sbd, 13 Uhr) kommen dabei unter anderem auch Carol Reeds Michelangelo-Film „Agony and Ecstasy“ (Do, 18 Uhr), und Tarkowskis film-ikonografische Auseinandersetzung mit dem mittelalterlichen Ikonenmaler Andrej Rublev (Norbert M. Schmitz, Fr, 15.30 Uhr) unter die mythologische Lupe.

Als besonders interessant erachtet es Schmitz, wie (Film-) Künstler wiederum die Spiegelung der medialen Mythologisierung integrieren und damit ihre Kunst selbst zur Medienkunst machen – und vice versa. Wie sich etwa Francis Bacons Bildkonzepte in Filme prägten, zeigt Marcus Stiglegger (Sbd, 10 Uhr) anhand von Bertolucci. Dass Konrad Wolf mit seinem Film „Goya“ den „Künstler als Epochendeuter“ versteht, beweist James Wulff aus semiotischer Sicht (Fr, 14 Uhr). Und wie unter anderem Frida Kahlos Werke im Film über sie „die mediale Konstruktion einer künstlerischen weiblichen Attitüde“ anregten, beleuchtet Theresa Georgen (Fr, 11.30 Uhr).

Vielfache Wechselwirkungen bestehen offenbar zwischen Kunst, Künstler, ihren film-mythischen Reflexen und deren Widerhallen in der Kunstwissenschaft, die über alle solche reiche Rückschlüsse ermöglichen. Ein interessantes und noch junges Forschungsfeld, in das sich Schmitz und die von ihm zum Symposium eingeladenen Referenten gerne begeben, „auch auf die Gefahr hin, dass es in den zuweilen rührseligen filmischen Künstlerdramen richtig kitschig wird“.

Öffentliche Vorträge: Donnerstag, ab 17 Uhr bis Sonnabend ab 10 Uhr in der Aula der Muthesius Kunsthochschule (Lorentzendamm 6-8). Kommentierte Filmvorführung „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“: Freitag, 18 Uhr, KoKi Pumpe (Haßstr. 22). Detailliertes Programm unter www.muthesius-kunsthochschule.de.

Original und filmischer Reflex: Jan Vermeers Gemälde „Mädchen mit dem Perlenohrring“ und Scarlett Johansson als solches in Peter Webbers „Bio-Pic“ über Vermeer. Montage ögyr

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