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The Art of (Vor-) Bespreching (zehn)

Kapitel zehn, worin es darum geht, einem (lokalen) Laien-Chor die Vorab-Meriten zu singen, wenn er sich an Großwerke wagt. Wie erzählt man eine solche Geschichte eines so genannten „Probenberichts“? Man lauscht erstmal bei der Probe, erinnert sich – so vorhanden – eigener Chor-Erfahrung und schaut ansonsten eher darauf, was das Werk, das der Chorleiter sehr gut kennt und den Choristen in seinen Anweisungen nahezubringen sucht, an „Geschichten“ und „rotem Faden“ hergibt. Man gibt wenig Obacht auf eventuell hübsche Sopranistinnen, lässt sich auch von „elder“ Altistinnen edler Gestalt nicht beirren, sondern lauscht, was hier wie von den vermuteten Absichten des Komponisten „rüberkommt“. Schön, wenn der vertonte biblische Text dabei schon die Dialektiken aufwirft, an denen entlang man die „Story“ entwickeln kann. Ein Glücksfall überdies, wenn man sich davon als Schreiber so anregen und anfassen lässt, dass ob der gehörten Töne dabei der Stift zuweilen in der Hand bebt (und auch mal ein Tränchen sich ins Knopfloch verirrt). (Rührung ist immer gut!) Das sind die schönsten Momente des Notierens, gut, wenn man ihre „Atmo“ in den druckreifen Text zu übertragen weiß. Wissend, dass man als (Vor-) Rezensent immer in der Rolle des sowohl strafenden wie barmherzigen „Gottes“ ist. Als solcher gilt es, vor allem schweigend gehorsam – besser: gehörsam – zu sein.

Alttestamentarische Wucht trifft auf Barmherzigkeit

Die Luther-Kantorei probt Mendelssohns „Elias“.

Von Jörg Meyer

Kiel. „Er wird uns verfolgen, bis er uns tötet“, dräuen die Turba-Rufe als buchstäblich verfolgendes Fugato in Mendelssohn-Bartholdys „Elias“. Bevor solche alttestamentarische Wut des Herrn seiner milden Barmherzigkeit im sanften, motettischen Choralton weicht, muss die Luther-Kantorei unter der Leitung von Jens Siewertsen noch manche Klippe umschiffen.

Ein Oratorium, das der Wucht der Bachschen kaum nachsteht, ja, sie in Siewertsens expressiver Interpretation überbietet, hat die Kantorei der Kirche, deren Gründung sich am 12. März, einen Tag nach der Aufführung und damit zum Ende des klingenden Festjahrs zum hundertsten Mal jährt, in den Noten lesenden Händen. Derartige Großwerke hat die Kantorei, die Siewertsen, Studienrat für Musik und Mathematik am Gymnasium Kronshagen – ein kleines Jubiläum dazu – seit 25 Jahren nebenamtlich leitet, schon manche aufgeführt, darunter Bachs „h-moll-Messe“, mehrfach sein „Weihnachts-Oratorium“, „Requiem“ und „Krönungsmesse“ von Mozart, Händels „Messias“ und Rossinis „Petite Messe solennelle“. Für den „Elias“ konnten Siewertsen und sein 57-köpfiger (inklusive Ehemaliger) Chor die um Instrumentalisten aus dem Kieler Philharmonischen Orchester erweiterte Camerata Kiel sowie die Solisten Julia Henning (Sopran), Marina Fideli (Alt), Steffen Doberauer (Tenor) und Hans-Georg Ahrens (Bass) gewinnen.

Doch erstmal geht es durch die Mühen der Ebenen, namentlich Mendelssohns zuweilen verzwickte Polyphonie. „Beim Alt hatten wir uns da ein Eselsohr gemacht“, erinnert Siewertsen an eine Stelle, wo die Intonation noch immer etwas wackelt. Und das bei einem, „wie die Doctores unter euch wissen, nicht gerade gesunden Ruhepuls von 96“. Hurtiges Tempo also, das die Dramatik der komponierten biblischen Situation befiehlt, und saubere Intonation in einem harmonisch nicht eben einfachen Umfeld unter einen Hut zu bringen – ein altbekanntes Problem, das der Chor dennoch im zweiten Angang souverän meistert. Doch Siewertsen ist noch nicht ganz zufrieden: „Es ist alles im Sack, aber ihr müsst ihn noch zubinden!“ Noch mehr Akzent brauche dieses „Er wird uns verfolgen“. Schärfer muss der Septakkord am Plagal-Schluss klingen, bevor im Choral der Herr „dein eifriger Gott“ ist, nach dem Zorn Barmherzigkeit zu üben.

Auch bei der Verkündigung derselben darf der Chor, so Siewertsen im Ton eines zur Not strafenden Chor-Gotts, „keine Angst vor der eigenen Courage haben“. „Ein einziges Crescendo“ ist durchzuhalten wie die Spannung, „auch wenn es Dienstag, 28 Uhr ist“. Und dann sich „ganz schlank“ zurücknehmen und „beim Decrescendo locker entspannen“. Weil jetzt den Frommen in der Finsternis ein Licht aufgeht, wo harmonische Verschattungen mit fast grellem Feuer der Soprane vereint werden müssen. Denn so spricht der Herr – im Furor wie in der Barmherzigkeit. Mendelssohns am Gotteswort orientierte sinfonische Dramatik soll hier erstrahlen, nicht nur wuchtig zum Kirchen-Jubiläum, auch ganz zart darüber hinaus.

Sonntag, 11. März, 17 Uhr, Luther-Kirche am Schrevenpark.

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ögyr’s „abriss“ @ Augenweide

Mitgeteilt sei, dass ögyr’s video.poem „abriss“ am Samstag, 24.3.2012, 20.30 Uhr beim 16. Filmfest Schleswig-Holstein – Augenweide in der Kieler Pumpe (statt nur im Netz) auf der großen Kino-Leinwand läuft – und zwar im Kurzfilm-Programm „kurz & knackig“. Mitgeteilt sei ebenso, dass ögyr dies zum Anlass nahm, die doch inzwischen recht zahlreichen video.poems neu zugänglich zu machen. Die in seinem schwungkunst.blog seit Januar 2010 geposteten video.poems finden sich jetzt in der Kategorie „video.poems“ versammelt, älteres Material (Super-8-Footage, gedreht in den 80ern) findet sich auf www.schwungkunst.de/video_poems. Dort auch miniDV-„Klassiker“ wie „abstracks“ oder „spät.werk“. Have a (back-) look!

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