The Art of Bespreching (elf)

Kapitel elf, worin es um den immer wieder Neuanfang geht. Als lokalem Kulturjournalisten laufen einem bestimmte Bands immer (mal) wieder über den Weg. Man forscht dann im Archiv, findet Diverses und könnte daraus, aus diesem bereits treulich recherchierten Material, natürlich wieder was Neues (mit der gebotenen Eleganz) zusammensamplen. Allein, der Faktor Zeit und nichts ist, wie es bleibt. Also ruft man nochmal an, findet die alten Genossen in anderen der selbst gezimmerten Zusammenhänge vor, versucht Links zu dem früheren Textmaterial (wie gesagt: gut recherchiert damals) abzufragen, um nicht zu sagen, suggestiv einzufragen. Allein, sie weigern sich, beharren auf JETZT statt DAMALS, und das ja aus gutem Grund. Was wären wir, wenn wir immer nur damals statt jetzt wären? Geister? Gar gute? Oder hätten wir gerne in jenem Konvolut die „Bad Guys“, die wir immer sein wollten, jene, vor denen uns unsere Eltern vor uns selbst warnten? „Man muss davon ausgehen, dass der Stein denkt“, sagte Rainald Goetz in „Irre“ (glaube ich, ich find’ das Zitat, das mich seit den 80ern begleitet, indes nicht mehr), zumal wenn es Sisyphus’ Stein ist. Wie der nicht nur bergwärts rockt, sondern auch rollt, darum ging es in dem heutigen Interview mit der Kieler Band NO MORE über ihr neues Album gleichen Titels. Das Interview, eigentlich nur als Materialsammlung, Zettelkasten für den Artikel angelegt, entpuppte sich im Wortlaut als noch berichtenswerter. Und da man mir bei der Zeitung (KN) solche Freiräume der redaktionellen Entscheidung einräumt, nutzte ich sie, ließ die selbst sprechen, die hier musizierten. Keine übliche (Album-) Besprechung also, wo man sich in Metaphern verzwirbelt, eher der Klartext der – um es mit Kluge zu sagen – „Artisten unter der Zirkuskuppel (selbst aufgespannt) – ratlos“. Und die eben Einsicht, dass der Künstler da umso mehr verrät von seiner Kunst, als er ratlos, stammelnd, immer wieder neu anhebend ist. GEIL! Da ist Kunst! Und ein bisschen von der zu vermelden, war mir hier vergönnt:

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Den Stein glücklich weiterrollen …

Ein Ausspruch Samuel Becketts flackert im Trailer zum neuen Album der Kieler „Post-Punk-Proto-Electronica-Kraut-Glam“-Band No More: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better!“ „Sisyphus“ heißt dazu passend die CD, auf der sich die Post-Punk-Veteranen mal wieder neu erfinden – elektronischer, balladenhafter – und des Namensgebers Stein weiter (rock’n’) rollen. Über das Glück des immer wieder Neuanfangens am gleichen Hang, aber mit neuem Stein sprach Szene-Mitarbeiter Jörg Meyer mit Andy Schwarz und Tina Sanudakura.

Ihr zitiert auf dem neuen Album Albert Camus, der sagte, dass man sich Sisyphus als einen Glücklichen vorstellen müsse. Ist es statt Fluch ein Glücksfall, immer wieder von vorne anfangen zu müssen – und zu können?

Tina: Zumindest ist es eine Chance, auf dem Pfad des ewig grüßenden Murmeltiers mal etwas richtig zu machen. Der Bezug zu uns als den alten No More ist dabei, dass wir nicht da neu ansetzen, wo wir mal aufgehört haben, sondern da, wo wir nicht weitergemacht hatten. Das war schon der Schritt beim letzten Album „Midnight People & Lo-Life Stars“, den wir jetzt nochmal weitergegangen sind, wieder ganz bewusst, ohne ihn zu Ende zu gehen.

Andy: Neu ansetzen auch deshalb, weil wir JETZT Musik machen, nicht mehr in den 80ern, nicht mehr vor zwei Jahren. Wir haben andere Akzente gesetzt. Die Rhythmik zum Beispiel ist nicht No More-typisch. Aber es steckt kein wirklicher Plan dahinter, die Sachen passieren einfach – im Jetzt. Man denkt, man nimmt einen Faden auf, meinetwegen auch einen damals nicht weiter gesponnenen, aber letztlich fängt man doch immer wieder von vorne an.

Ist also der Berg, den Sisyphus den Stein hinaufrollen muss – oder darf, zwar der gleiche, aber der Stein ein immer neuer?

Andy: Könnte man so sehen. Vielleicht bleibt aber auch alles gleich, nur die Perspektive auf den Weg und den Stein ändert sich.

Dürfte man „Sisyphus“ somit als Konzeptalbum über neues Neuanfangen hören?

Andy: Ja und nein. Wir haben mit dem neuen Album erstmal ganz profan angefangen, ohne jedes Konzept. Die Songs entstanden mehr, als dass wir sie komponiert hätten. Aber dabei ist uns – wiedermal – aufgefallen, dass wir nicht da wieder anfangen, wo wir mit dem letzten Album aufgehört haben. Wir merkten auch, dass sich viele Songs sozusagen „im Loop“ befinden, etwas Wiederkehrendes, Kreisartiges als Struktur haben. Es ist kein Konzeptalbum, aber man kann das Bild des Sisyphus auf verschiedenen Ebenen anwenden. Man kann es aber auch lassen, die Metapher ist nicht notwendig für das Verständnis der Musik.

Das wirkt ein wenig wie eine abgeklärte Haltung: Die Revolution, die Punk mal anzettelte, muss nicht mehr gemacht werden?

Andy: Revolutionen haben ja stets einen Jojo-Effekt. Sie schnellen vor und ziehen sich dann wieder zurück. Wir haben, wenn, dann eher einen Begriff wie „permanente Revolte“ im Kopf, permanentes Neuentdecken. Selbst wenn das Ganze absurd ist, es keine Hoffnung gibt … So wie es in einem Song heißt: „All is well, when nothing matters“, wenn man keinem Programm mehr verpflichtet ist, einfach nur den Stein weiterrollt.

Tina: Eben wie in dem Film „Und ewig grüßt das Murmeltier“: In dem Moment, wo der Protagonist sein Schicksal der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen akzeptiert, ist er nicht mehr darin gefangen, kann es frei gestalten. Womit wir wieder bei Sisyphus als dem Glücklichen angekommen wären.

No More: „Sisyphus“ (Rent A Dog). Erhältlich ab 23. März im Plattenladen Ihres Vertrauens und über iTunes. Infos, Videos und Hörproben auf www.nomoremusic.de, www.myspace.com/NoMoreRemakeRemodel, www.youtube.com/user/NoMoreRemakeRemodel.

— snap! —

Erhellend in diesem Zusammenhang durchaus auch, wie ich schon 2010 über No More für KN schrieb:

— snip! —

Kein Anfang ohne Aufhören

Die Kieler Band No More knüpft mit ihrem neuen Album an ihre Wurzeln an – und spinnt sie weiter.

Von Jörg Meyer

Kiel: Manchmal muss man aufhören, um erneut für Aufhören zu sorgen. 20 Jahre war die Kieler Band No More, gegründet 1979, scheintot, von 1986 bis 2006. Dann kam 2007 die Ausstellung „Kein Kiel“ über Post-Punk und No Wave in der Fördestadt Anfang der 80er Jahre, die Andy Schwarz und Tina Sanudakura für die Kunsthalle kuratierten, und im Herbst 2008 mehrere Einladungen zu einer Revival-Tour quer durch Europa, vom BIMfest in Antwerpen bis zum „M’era Luna Festival“. Die Tour-Erfahrung nach 22 Jahren Schweigen verdichten die verbliebenen beiden No Mores nun auf einem ersten neuen Album nach Jahrzehntepause: „Midnight People & Lo-Life Stars“.

„Back from the dead“ stand als Motto über der EP, die Tina und Andy 2006 zum 25. Geburtstag ihres heimlichen Hits „Suicide Commando“ produzierten. Punk war 1981 allenfalls mit dem Präfix „Post“ in Kiel angekommen. „Punk ist Sex Pistols und vielleicht noch ein paar andere, Clash schon nicht mehr“, weiß Andy. Danach kam sein Vermächtnis zu Lebzeiten. „Musikalisch war das nach 1979, dem Sterben von Punk in den Mainstream, etwas anderes, von der Energie her freilich noch dasselbe.“ Punk wurde erst, als er bereits tot war. Mit der Szene von damals verbindet das Duo kaum noch etwas, zumal sie schon ehedem das Punk-Idiom eher dark-wave-isch, elektronisch interpretierten. „Mittlerweile passt das für uns“, sagt Andy, wenn man ihn danach fragt, ob der frühe Tod der Punk-Revolution auch Wehmut berge. Und Tina ergänzt: „Wenn wir damals nicht aufgehört hätten, könnten wir heute nicht wieder Musik machen.“

Die Pause war also kreativ, Punk „vom Ende her zu denken, nicht da wieder anzufangen, wo wir aufgehört hatten“. Back to the roots? Ja, vielleicht, allein, Andy sträuben sich die schwarzen Nackenhaare ob solcher popmusikalischer Einordnung. Die Beschäftigung mit dem „frühen Material“ hat ein Album entstehen lassen, das liegengelassene Fäden wieder aufnimmt, ohne sie fortspinnen zu müssen. Die beiden Musiker sind skeptisch gegenüber dem „Ideologie-Zusammenhang“, der ihr Wirken einst prägte, als junge Kieler Häuser besetzten und gegen den Konsumterror opponierten. „Wir sind unser eigenes Retro“, greint Andy und ist, indem er das sagt, „post-ironisch“. Klartext: „Pop-Musiker – auch wir – schöpfen aus 50 bis 60 Jahren Pop-Musikgeschichte. Es gibt zur Zeit keinen Zeitgeist, an den man sich ankoppeln könnte.“

Zum Glück, möchte man meinen, wenn man in das neue Album hinein horcht. „Inside 1979 – The Unpredictable Sky“ versammelt in kassettenrekorderstammelnden Dokumenten zwar noch die Stimmung nach dem „Deutschen Herbst“, als die „heute wieder notwendige Revolution“ greifbar schien. Doch die RAF ist tot, DAF, mit denen No More ab März auf Tour gehen werden, gibt’s noch immer. Punk hat überdauert wie Insekten nach einem Atomkrieg verstrahlter Ideologien. Und so zirpt und grillt es auf dem neuen Album retro-elektronisch aus Theremin- und analogen Casio-Sounds, die das Duo wie psychedelische Kassiber aus längst befreiten Stammheimen in die aktuellen Tracks eingemeindet.

Ach ja, das neue Album: Weniger von den alten Zeiten als von den „das Sein bestimmt das Bewusstsein“-erneuerten ist es inspiriert. „Die meisten Songs sind auf der Tour 2008 entstanden“, erinnert sich Tina. Die Provokation des Punk ist die Leiche im Heimstudiokeller. „Die Gesellschaft ist so liberal wie sie gleichgültig ist“, sinniert Andy. Horkheimer und Adornos „repressive Toleranz“ muss man dafür nicht erst bemühen. Nur neu anfangen, mit dem man nie aufgehört hatte.

No More’s Album „Midnight People & Lo-Life Stars“ erscheint am 12. März beim Label „Rent A Dog“. Infos und Hörproben unter www.myspace.com/nomoreremakeremodel.

… und zerrneuert …

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Sapere aude!