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The Art of Bespreching (zwölf)

Kapitel zwölf, worin sich die seltene und interessant selbstbezügliche Möglichkeit ergab – genauer: ergeben haben wird, als Berichtender über Kunst mal selbst „part of the art“ zu sein. Weil nämlich dieser Artikel, sein Abdruck in den „Kieler Nachrichten“, zum Konzept des Kunstwerks gehört. Wovon wir noch lesen werden – im Artikel selbst. Solche „Zeitverschiebung“, die sich beim Geschriebenhaben eben über gestern für die Zeitung, die übermorgen erschienen sein wird, regelmäßig ergibt (weshalb ich auch im Artikel „morgen“ schreibe in Bezug darauf, dass der Artikel übermorgen erscheint, von wo aus gesehen die vorberichtete Eröffnung des Symposions „Ephemer“ eben „morgen“ ist, also von hier aus gesehen: Sternzeit: Donnerstag, 5.7.2012, also übermorgen, abgesehen davon, dass uhrzeitlich 1Uhr5 gestern schon heute ist, welche bloß rechnerische Datumsgrenze ich aber nie in Rechnung stelle). Zudem ist es Usus, den Artikel in so kunstkomplexem Fall, wie vereinbart vor Sendung an die Redaktion der Gewährsfrau zur eventuellen Korrektur vorzulegen. Welchen Schritt ich hier wegen des Ephemeren der ganzen Angelegenheit auslasse und hier schon gleichsam vorveröffentliche in einer Form, die sich auch qua Redaktion und ihrer layouterischen Anforderungen vermutlich noch ändern wird. Man kann hier also beobachten, wie alles Schreiben über gewesen sein Werdendes im Fluss ist, in Wandlung begriffen, denn das Ewige ist nur, indem es sich fortwährend, augenblicklich, ephemer wandelt.

— snip! —

Eintagsfliegen für die Ewigkeit

Das Symposion „Ephemer“ der Muthesius Kunsthochschule beleuchtet die flüchtige Ewigkeit in den Künsten von heute

Von Jörg Meyer

Kiel. Nichts ist bekanntlich so alt wie die Zeitung von gestern, ihre Vergänglichkeit ist der eben noch aktuellen Nachricht mit Drucklegung auch hier schon einbeschrieben. Nicht minder der Kunst, von der man klischeehaft doch annimmt, sie schaffe überzeitliche, „ewige“ Werte. Und doch gereicht solcher Eintagsfliegencharakter der Kunst wie der Zeitung nicht unbedingt zum Nachteil, setzt sie vielmehr in Beziehung zu einem Verständnis von Zeit, in dem der vergängliche Augenblick und die Dauerhaftigkeit keine Gegensätze sind. Das von Muthesius-Professorin Petra Maria Meyer konzipierte Symposion „Ephemer“ spürt solchem von morgen bis Sonntag theoretisch wie praktisch nach.

Drei Bedeutungen hat das griechische Wort „ephemerios“: „für den einen (besonderen) Tag“, „nur einen Tag lang dauernd, vergänglich“, „(all-) täglich“. Die Wortwurzel „hemära“ beschreibt zudem ganz allgemein „Zeit“ und „Leben“. Denn das Ephemere ist die Daseinsweise des Menschen selbst, wie schon der griechische Dichter Pindar wusste, der ihn als „Eintagswesen“ und „Eines Schattens Traum“ erkannte. Quer durch alle Künste, von der bildenden über Theater und Film bis hin zu Musik und Literatur, verfolgt das Symposion diese Spur des Vergänglichen, das, so Meyer, jedoch kein Gegensatz zur „Ewigkeit“ ist. Vielmehr seien Ephemeres und Ewiges zwei Seiten derselben Medaille Zeit – „das Vergangene wird gewesen sein, das Ephemere konstituiert das Dauerhafte“.

Nicht nur philosophisch lässt sich das betrachten, sondern auch ganz praktisch künstlerisch umsetzen. So machten schon am Mittwoch letzter Woche acht Studierende der Bereiche Industriedesign und Raumstrategien das Lessingbad zu einem Ort höchst flüchtiger Ausstellungen, die nur wenige Stunden dauerten. Tobias Hoss etwa kleidete zusammen mit seinen Kommilitonen einen Raum mit den Seiten der aktuellen „Kieler Nachrichten“ aus. Dieser „Zeitungsraum – Raumzeitung“ machte einerseits die Fläche der Seiten räumlich les- und erfahrbar, die Zeitung also zur Plastik, andererseits nahm er durch seine eintagsfliegenhafte Existenz auf das Vergängliche des Mediums Zeitung Bezug. Und indem der Zeitungsartikel, den Sie hier gerade lesen, darüber berichtet, wird das Flüchtige der Performance dennoch „für die Ewigkeit“ archiviert, denn eben diesen Artikel wird die morgen, 19.30 Uhr, im Lessingbad eröffnete Ausstellung „Momentaner Raum“ als Echo der längst vergangenen „Raumzeitung“ zeigen. Eine „Zeitverschiebung“, die Hoss deshalb „spannend findet, weil sie auch die Zeitung, das Material dieser Installation, für einen Ausstellungsaugenblick dem Ephemeren entreißt“.

„Verewigten“ die Zeitung von neulich in der „Raumzeitung“ auf der Zeitungsseite von heute: (v.l.) Armin Warnecke, Finn Blümel, Danny Stoermer, Marlene Rieckhaus, Katja Gross, Anika Wieners, Aeneas Stankowski, Tobias Hoss. Foto: Frank Peter

Solche enge Wechselbeziehung zwischen Ephemerem und Ewigem benennt Michel Seuphor bereits im Titel: „L’éphémère est éternel“ („Das Flüchtige ist ewig“). Das 1926 in engem Bezug zu den damaligen Avantgarden entstandene und von Piet Mondrian mit einem Bühnenbild ausgestattete Anti-Theaterstück ist eine Rarität, die erst 1968 in Italien uraufgeführt wurde. Petra Maria Meyer inszenierte zusammen mit der Muthesius-Typografie-Professorin Annette Stahmer und Studierenden Teile dieser „Poésie Plastique“ als „HörSchauspiel ohne Schauspieler“, welches das Dauerhafte des Mediums Schrift mit dem flüchtig Performativen der Sprache verbindet. In deutscher Erstaufführung zu sehen, zu hören und nicht zuletzt zu lesen morgen, 20.30 Uhr, im Lessingbad.

Und – getreu dem Gedanken des Ephemeren – auch nur dann und dort. Wie auch das Museale seinem Hang zur Konservierung des Ewigen ins augenblickliche Erleben zu entkommen versucht. Etwa in den „One Night Stands“, Ausstellungen, die Martin Hochleitner 2009 in Linz veranstaltete, die jeweils nur einen Abend dauerten und von denen er am Freitag, 16.30 Uhr, berichtet. Der (Ausstellungs-/Bühnen-) Raum vereint sich ebenso im Tanz mit der Zeit zu „Topographien des Flüchtigen“, wie die Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter am Sonnabend, 15 Uhr, zeigt. Womit sich auch die Brücke schlägt zur Musik, einer weiteren Kunst des Ephemeren. In Zusammenarbeit mit dem Kieler Neue-Musik-Projekt chiffren ist am Freitag, 20.30 Uhr, im Lessingbad, gespielt vom Ensemble Radar, Mathias Spahlingers „éphémère“ zu hören.

Tobias Hoss wird die Installation „Zeitungsraum – Raumzeitung“ konzipiert haben, um aus hunderten Exemplaren der KN von heute die Ewigkeit von gestern zu zaubern. Foto: Frank Peter

Das Flüchtige „dealt“ auch immer wieder mit dem Nichts, in das alles Ephemere gestern schon verschwunden sein wird. „Mich gibt es gar nicht“, betitelt daher provokant Michael Schirner, „der Beuys der Werbung“, den Abschlussvortrag des Symposions (So, 15 Uhr): Wo und wann ereignet sich Kunst? Im Werk, im Autor, im Betrachter, nicht erst gestern, sondern gerade eben? Schirner spielt(e) in Fotoausstellungen ohne Fotos und seiner Medienintervention „Bye Bye“ mit solchen Topoi, wo Ewigkeiten sich ins Eintagsfliegendasein verflüchtigen.

Morgen, 15 Uhr, bis Sonntag, 16 Uhr, Vortragssaal in der Kunsthalle zu Kiel. Abendveranstaltungen und Ausstellung morgen und Freitag jeweils 20.30 Uhr im Lessingbad (Lessingplatz). Detailliertes Programm unter www.muthesius.de.

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Sapere aude!

2 Responses to The Art of Bespreching (zwölf)

  1. oegyr says:

    Und hier der Zeitungsartikel, erschienen in den KN vom 4.7.2012, als PDF: http://www.schwungkunst.de/schwungkunst_blog/kn_120704_ephemer.pdf

  2. Pingback: moment éternel von gestern | schwungkunst.blog

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