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Odae concertantes – oder: Wie man mit einem Notensatzprogramm alte Musik zu neuem Leben erweckt

Präludium:

Samstag, 30. des Junius 2012: d&m’s ögyr kommt gerade vom Einkaufen auf dem Wochenmarkt auf dem Kieler Exerzierplatz, steuert gen seinem (Alten-) Heim in der Rathausstraße, wartet an der Ampel und sieht gegenüber einen, der so aussieht wie der alte Kollegga Koll. Und siehe, er ist’s, grüßt herüber, soweit es seine Hand erlaubt, die eine Kamera führt. „Komm mit, mein Lieber“, sagt er, ohne die Hand vom Dreh der Kamera zu lassen, und ögyr folgt. Herr K. macht Aufnahmen für sein jüngstes Dokumentarfilmprojekt, arbeitstitelnd „Ein Metjen nahmens Preetzen“. Letzteres verriet 1676 seine Mutter an die Inquisisition, die hernach in einer der letzten Hexenverbrennungen in Schleswig-Holstein Preetzens Mutter auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Zu dem geht es jetzt knapp dreieinhalb Jahrhunderte später, zum ehedemen Hinrichtungsplatz zu Chilonium an der Ecke Jungfernstieg/Stiftstraße. ögyr folgt dem Herrn K., altem Bürokollegen am Dreiecksplatz, wo nach dessen Auszug das Mediengestaltungsbüro d&m über dem schlecht gehenden Auslegewarengeschäft, dessen Eigentümer auch der Vermieter war, 1999 seine Werkstatt bezog.

Herr K. filmt und nimmt mit dem ollen ögyr nach dem Schnitt und Fall der Filmklappe im Café „Chelsea“ einen und den anderen Kaffee. Man kömmbt ins „Rudern, Gespräche“. Namentlich über Herrn K.’s filmmusikalische Pläne. Einen Kompositeur hat er bereits an der langen Angel, aber der habe wenig Sinn für die Musik zu Zeiten der Mitte des 17. Jahrhunderts. Tiefster Barock, wie ögyr weiß und auch Herr K., der bei seiner Recherche eine Seltenheit auftat, mit der er nicht weiterkommt: 1665 zur Inauguration der ersten Professores der neugegründeten Christian-Albrechts-Universität zu Kiel komponierte der Hofcompositeur am Schlosse Gottorf, Augustinus Pfleger, die „Odae concertantes“, eine Lobmusik auf die Fürsten wie die Professores der neuen Alma Mater, die ja nicht zuletzt, Jahrhunderte später, auch zu unserer wurde (vom I.D. von d&m nicht zu schweigen). Von selbiger Pflegerschen Komposition (Drucklegung 1666), die Herr K. als Filmmusik für seine „Preetzen“ zumindest ins Auge – gleichwohl noch nicht ins Ohr, wovon wir noch hören werden – gefasst hat, gibt es weder eine Aufnahme, noch einen für eine Aufführung brauchbaren Notentext. K’s Recherchen förderten ein einziges historisches Konvolut zutage: ein Druck von 1666, der sich in der Herzog-August-Bibliothek zu Wolfenbüttel fand. Selbige hat ihm Selbigen als Scan des Originals auf CD-ROM gesandt. Was augenfällig schon einiges ist, indes, die Notae bleiben stumm …

Fuga à 2 voces – oder: „Isti sunt due olivae“

Googlei ergibt wenig über den Hofcompositeur zu Gottorf, Augustinus Pfleger. Er komponierte viel, das meiste ist indes verschollen. Eine Passionsmusik über die „7 letzten Worte des HErrn am Kreuze“ ist erhalten und auch als neuzeitlicher Notentext erwerbbar, zudem manchesmal aufgeführt auch im 21. Jahrhundert. Indes Fehlanzeige für die „Odae“ – bis auf das Dokument aus Wolfenbüttel. Selbiges sendet dem ögyr Herr K. mit dem Ansinnen, ob es irgendwie zum Klingen zu bringen wäre. Und so macht sich der ögyr auf, den freilich nur in historischem Drucke vorliegenden Notentext erneut – und vermutlich zum ersten Mal seit der (Ur-) Aufführung der Inaugurationsmusik 1665 in der Kieler Nikolai-Kirche – in Tönendes zu bringen.

Nach Rückversicherung bei der alten Freundin, Musikwissenschaftlerin und heute leitenden Bibliotheksmitarbeiterin zu Weimar K.H., wie die alten Notenschlüssel – häufig transponierend – zu lesen seien, macht sich ögyr ans Werk, bei dem ihm das Notensatzprogramm „Sibelius“ aus dem Hause AVID assistiert. Nicht zuletzt denkt er dabei an einen neuen Geschäftszweig der Layouter von d&m, die damit nun auch Noten typografieren können.

Zudem bietet „Sibelius“ vermöge einer umfangreichen Sample-Bibliothek die Möglichkeit, eingegebene Noten sogleich zum Klingen zu bringen. Das klingt zwar ein bisschen synthetisch synthesizernd, dennoch bekommt man einen Eindruck vom Pflegerschen, seither wohl nie wieder aufgeführten Original.

Odae concertantes revisited – oder: der Odae Olivenkern

Der Notentext steht zunächst unergründlich vor dem heutigen Notensetzer. Der fängt erstmal an und (über-) setzt die pagina 393 des HAB-Konvoluts: Offenbar der cantus firmus, die grundlegende Melodei, das Thema „à 10. 2. Can: Alt: Ten: Bass: 5. Viol: / Can: prim: sol:“, das hier erstmal nur als c.f. plus b.c. (basso continuo) daherkommt, aber schon recht eingängig singt.

p. 394-396 entfalten die Stimmen zu einem Hymnus, der den Pfleger, nachgepflegt, als norddeutschen Kleinmeister ausweist, der auf die Bachschen Kantaten und Oratorien so hinausweist, wie ögyr jetzt dem Vormeister kleinmeisternd nacheifert.

Der Hymnus auf „Ferdinandum III., Cæsarem Gloriosissimum“, auf dessen Initiative die Kieler Universitätsgründung zurückgeht, gewinnt hier Gestalt: Der Hymnus wechselt mit Vertonungen der Strophen in kleinerer Besetzung. Selbige liegen hier bereits vor:

Bislang noch nicht gesetzt folgen:

  • Odae concertantes V (p. 404): à 2. Can: (+ b.c.)
  • Hymnus (mit wiederum anderem Text)
  • Odae concertantes VI (p. 408): à 3. 2. Viol: Bass: (+ b.c.)
  • Hymnus

Der Fürsten Reigen:

Nach dem Hymnus/Odae auf Kaiser Ferdinand III. folgen noch weitere Loblieder auf Fürsten, die Herr K. wie folgt beschreibt:

  • „Der erste Teil (p. 393-408) glorifiziert Kaiser Ferdinand III., in dessen Amts- und Lebenszeit (er starb 1657) der Anschub des Unternehmens „Kieler Akademie“ fällt.
  • Teil 2 (409-421) rühmt dessen Nachfolger und also gegenwärtigen Kaiser Leopold als obersten Schirmherrn und Dienstherrn des Gottorfischen Herzogs.
  • Teil 3 (422-432) huldigt Friedrich III., dem eigentlich entscheidenden Fürsten und Herzog zu Gottorf, der die Pläne für die Kieler Akademie schmiedete, allerdings 1659 starb.
  • Teil 4 (433-445) verbeugt sich vor Christian Albrecht als Namenspatron und gegenwärtigem Herzog zu Gottorf, der die Pläne seines Vaters umsetzte und auch bei der Inauguration vor Ort war – der Kaiser war es vermutlich nicht persönlich.
  • Teil 5 schließt den Rahmen mit einer neuerlichen Hymne (siehe 446), diesmal auf deutsch, vertont auf den Seiten 447-456.“

(vorläufiger) Epilog:

All derlei aus dem HAB-Konvolut in „Sibelius“-Schrift zu bringen, wird also noch eine Weile dauern. Gerade mal der erste Teil steht kurz vor der Vollendung. Gleichwohl zeigt sich hier nicht nur der Kleinmeister von 1665, auch die Kleinmeisterei von 2012, die knapp 350 Jahre später derlei wieder zum Klingen und in heutige Lesbarkeit bringt – vielleicht, um derlei 2015, zum 350. Jubiläum der Christiana Albertina, erneut zu Gehör zu bringen.

Nachtrag (4.8.2012):

Die „Odae concertantes“ des ersten Theils ad „Ferdinandum III. Cæsarem Gloriosissimum“ sind nun komplett und in den Einspielungen in AVID Sibelius hier nachzuhören.

Sapere aude!

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