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The Art of Bespreching ((zwei) / vier-zehn)

14. Kapitel unserer Reihe. Oder sollten wir besser sagen: 2und4zehn – 42 to the floor? Zumal es um Taktzeiten geht, die Eins und Drei und die Vier und Zwei – auch und gerade statt ungerade (und geraten) im Off-Beat und „Groove“ des Texts. Es ist wie in der Musik, die gewöhnlich auf die „schweren“ Taktzeiten, im 4/4-Takt, also „four to the floor“, wie es in der (elektronischen) Tanzmusik heißt, das Ohrenmerk legt, aber im Reggae dagegen angeht, was da „Off-Beat“ geheißen und gefeiert wird. Einen solchen „Off-Beat“ wollen wir hier im Text selbst anlegen. Wir gehen also nicht auf die naheliegenden Eins und Drei, wir verlegen uns vielmehr auf die unschweren, leichten Texttaktzeiten: Wir weichen aus, wir reden drum herum, wir sind „off“. Wir machen uns angestaltig solchen womöglichen Vorwurfs, dass man ja nicht lese, worum es uns eigentlich geht, und zeigen darin, worum es uns – aside! – geht. Solche hohe Kunst des Vermeidens sollte man sich als AutorIn nur erlauben, wenn man in dem Medium, für das man schreibt, schon so etwas wie eine „Stimme“ hat, an der nicht vorbeizugehen ist. Die sich nicht mehr verschweigen lässt, wie wir hier gerade verschweigen, worum es eigentlich geht. Wir kassibern, geheimnissen, philosophieren. Über Kunst schreibend ist das immer erlaubt, wenn nicht gefordert. Mensch muss sich indes in einem feuilletonistischen Umfeld bewegen, um derlei zu wagen. Wenn dem nicht so, sei es dennoch für die eigene Schublade empfohlen, für „das Werk“ mal auszuprobieren. Was empfinde ich (un-) genau, wenn ich als eiliger Schreiber oder Schreiberin irgendwo bin, von dem ich eigentlich keine Ahnung habe. Was berührt mich da zuvorderst? Und was berührt mich im Off-Beat, jenseits von dem, was alle mitgrooven und -schreiben? Kunst ist immer ein Geheimnis, und gelegentlich ist es nicht verkehrt zu gestehen, dass wir SchreiberInnen darüber es nicht entschlüsselten, nichts besser wussten, als dass wir es in seinem „Groove“ vorfanden. Und dass wir mitwiegten und -wogten, vielleicht in der immer nur zarten Annäherung, die das Wort ist. Die Antwort auf die Rätselfrage lautet hier wie manchesmal: Ich habe gegroovt, aber nicht gewusst. Hätte Kant schon den Groove gekannt, er hätte auf die Zwei und die Vier bestanden, nicht – aber auch – auf die Eins und die Drei.

— snip! —

Vom Warten, Wiegen und Wogen

iLLBiLLY HiTEC und Longfingah huldigten in der Pumpe dem Raggae „Four to the Floor“

Von Jörg Meyer

Kiel. „Irgendwie seid ihr Pressehanseln ja echt abgef***t“, meint ein schwer peace-iger Dreadlock. Wir seien „immer so sehr auf dem Sprung“, dass wir „es nicht abwarten können“. Recht hat er, der gute Rasta-Man. Dabei geht es doch gerade beim Raggae um den Off-Beat, das Warten der Eins und der Drei, der zwei schweren Taktzeiten, auf die leichten, wiegenden, nämlich die sonst so unbetonte Zwei und ihren Zwilling, die Vier. Umso interessanter, wenn das Berliner Duo iLLBiLLY HiTEC, featuring den wohl authentischsten deutschen Reggae-MC Longfingah, den entspannten Reggae mit dem nervös aufgeregten „Four to the Floor“ der elektronischen Tanzmusik von House über hip-hoppiges Scratching bis zum sonor rummelpottenden Drum’n’Bass verbindet.

Und das nicht nur durch gewiefte Elektronik samt intelligent eingesetzter Samples, sondern auch noch mit so etwas Archaischem wie einem Live-Schlagzeug, wenn auch die grundgütig grummelnden Bassbeats aus dem HiTec des Computers stammen. Die iLLBiLLYs lassen etwas zusammenwachsen, was eigentlich nicht zusammengehört: straighten Hammerbeat auf die Eins und Drei und den immer etwas um die Ecke gedachten und gewogenen und damit im doppelten Wortsinn aufgehobenen Reggae-Off-Beat. Dass solche Quadratur des Kreises auch in der Pumpe gelingt, beglückt den eiligen Pressehansel und auch sonst das Publikum. Zumal, wenn sich sich die Drei ans Werk machen und da die Tanzfläche noch ganz und gar leer ist, sich dann aber umso flinker „crowdet“. Gerade mal zwei Aufwärmstücke brauchen iLLBILLY und Longfingah, schon wird aus dem erst etwas verhaltenen Wiegen der noch spärlichen Tanzgemeinde ein Wogen der Vielen.

Jetzt wird’s nochmal kurz (pop-) musiktheoretisch, meine Damen und Herren, also sozusagen auf die Eins und die Drei bestanden: Natürlich haben elektronische Tanzmusik und Reggae dieselbe Wurzel, die man schlicht und sehr vereinfacht „Groove“ nennen könnte. Was dieser modische, gleichzeitig langlebige und überdies sehr unscharfe „terminus technicus“ bedeutet, kann man hier geradezu schillernd in allen seinen Facetten erleben. Und ertanzen! Groove ist, wenn sich rhythmisches Wiegen mit der Unberechenbarkeit seiner Wogen vereint. Wenn aus dem Takt, der die musikalische Zeit zerteilt, wieder ein Ganzes wird, ein „Zusammenhangserlebnis“, wie das nicht nur Philosophen nennen, sondern es sich hier ereignet.

Im Gewitter der Elektro-Beats, ihrem Zucken, also dem „flashigen“ Augenblick, zeichnet sich hier so etwas wie – ja! – einverstandene Ewigkeit ab. Eine Ruhe, die sich aus ihrer Unterbrechung der Off-Beats durch die synthie-sound-schnarrenden Techno-Einsprengsel speist. Der Pressehansel wird in all seiner Eile dabei plötzlich ruhig, kommt in den Groove der auf seinen Notizblock hingekritzelten Worte – die werden poetisch, manchmal philosophisch. Und vielleicht sagen sie etwas von diesem Warten des „42thefloor“ auf das Wiegen und Wogen des Reggae-Off-Beats.

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Sapere aude!

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