The Art of Bespreching (fünfzehn)

Kapitel 15 unserer Serie, in dem wir als quasi „embedded journalist“ zum Teil des Beschriebenen werden. Einer der noch seltenen – aber in Zeiten der Netz- und Nachrichtenkonvergenz häufiger werdenden – Fälle, wo der Artikel zur klingenden Stimme im Chor wird, dessen Lied er beschreibt: Vernetzung. Oder auch weiter gereichte „Flaschenpost“, wovon hier berichtet wird. Einer der interessanten Fälle, wo das Berichtende Teil des Berichteten ist. Medientheoretisch nicht uninteressant und zeigend, wie Presse ganz mit dem verschmilzt, was sie „presst“. Gewöhnlich, und das aus gutem Grund, wird man für gerade mehr Abstand zwischen Bericht und Berichtetem plädieren – hier aber „konvergieren“ beide zu einer Art beiderseits beabsichtigten – nennen wir’s im Wagner-Jahr ruhig mal so – Gesamtkunstwerk. Die eine Kunst, die des Besprechings, befruchtet die andere, die des Machens, und vice versa. Vorsicht ist dabei geboten, kann aber, wenn der „Double-Bind“ kenntlich gemacht ist, auch zu einer hübschen Vernetzungs- statt bloß Leseerfahrung führen. Wie hier gesagt – und das ist eine hoffnungsvolle Botschaft: Wir kennen uns alle und sind eine Familie – über „maximal sechs Ecken“. Kunst und ihre Rezeption sind verwandt, und so wird Kunst lebendig, erfahrbar, die berühmte „eine Welt“ …

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Flaschenpost an Jane und Woody

Die Schauspielerin Kirsten Nehberg stellte im Bildungszentrum Kiel ihr Netzwerk-Filmprojekt vor

Kennen Sie Kirsten Nehberg? Nein? Doch, Sie wissen es nur (noch) nicht. Denn laut der Netzwerktheorie der „Six Degrees of Separation“, auch „Kleine-Welt-Phänomen“ genannt, sind alle Menschen „über maximal sechs Ecken“ miteinander bekannt. Die Hamburger Schauspielerin Kirsten Nehberg will das nutzen, um sich einen Traum zu erfüllen, nämlich einen Film mit den weltbekannten Regisseuren Jane Campion und Woody Allen zu drehen. Ihr „Looking for Jane & Woody“ dokumentiert sie in einem gleichnamigen Film.

Der US-amerikanische Psychologe Stanley Milgram entdeckte das „Kleine-Welt-Phänomen“ schon 1967 in einem soziologischen Experiment. 1999 vernetzte „DIE ZEIT“ einen Berliner Falafel-Bäcker erfolgreich mit Marlon Brando, und in den hippen Social Webs wie Facebook oder Xing lässt sich das Phänomen täglich ähnlich beobachten. Von der Idee war Nehberg von Anfang an fasziniert. Doch wie nutzt man die „sechs Ecken“, um Jane und Woody dazu zu bewegen, wenigstens das „Showreel“ der relativ unbekannten Schauspielerin anzuschauen? Einfach hinschicken genügt nicht, denn das tun allzu viele. Es braucht das berühmte „Vitamin B“, sprich eine Kette von Kontakten – die manchmal, so Nehbergs Erfahrung, ganz eigentümliche Wege knüpfen.

1200 Fläschchen, beschriftet mit lockenden „Keywords“ wie „Message in a Bottle“, „It is Writen in the Stars“ oder „Hollywood Ending“, befüllte sie in mühevoller Handarbeit mit der einfachen Botschaft „Help! www.newyorkerwanted.com, www.suchewoody.de“ und der Bitte, die Flaschenpost weiter zu reichen. Die ersten verteilte sie 2010 auf der Berlinale, inzwischen musste sie schon nachproduzieren, denn die Kontakt-Phiolen gehen weg wie warme Semmeln. Schon vorher hatte sie einen offenen Brief mit ihrem Anliegen ins Netz gestellt und bereits nach sechs Wochen Antwort von der Agentin Jane Campions erhalten. Ob Woody Allen schon davon weiß, weiß sie nicht. Immerhin landete ihre Flaschenpost über den Hörspiel-Star Oliver Rohrbeck und den Synchron-Regisseur Jürgen Neu, der 20 Jahre die deutschen Fassungen von Allens Filmen und auch Campions „Das Piano“ betreute, bei Wedigo von Schultzendorff, der in Woodys „Hollywood Ending“ die Kamera führte und ihr im Interview eröffnete, dass gleich zwei Fläschchen bei ihm strandeten.

Mancher Kontakt verlief aber auch im Sande. Über eine relativ kurze Kette erreichte Nehberg einen New Yorker Flugzeug-Banner-Werber, der mit der Botschaft im beflügelten Schlepp über den Hudson flog. Acht Werbespots spendierte ihr daraufhin ein New Yorker Radiosender – Reaktion darauf „leider gleich Null“. Aber davon lässt sich Nehberg nicht entmutigen. Auch macht sie sich keine Illusionen darüber, dass sie je mit Jane oder Woody drehen wird – außer ein Interview mit ihnen über ihr Suchprojekt. „Der Weg ist das Ziel“, sagt die Netzwerkerin und freut sich über „die vielen anderen tollen Menschen, die ich über das Projekt kennengelernt habe“.

Auf der Crowdfunding-Plattform www.startnext.de wirbt sie derzeit um Geldbeiträge für ihr auf 52 Minuten angelegtes Dokumentarfilmprojekt. Die nötige Summe von rund 12000 Euro wird da kaum zusammen kommen, „aber allein wegen der daraus entstandenen neuen Kontakte hat es sich gelohnt“, so Nehberg. Dr. Harry Kalinowsky, filmbegeisterter Leiter des Bildungszentrums Kiel für den Bundesfreiwilligendienst, ist auch so ein „Kontakt“, der sie daraufhin zu einem Vortrag über ihr Projekt nach Kiel einlud. Er lobt „dieses Beispiel zivilgesellschaftlichen Engagements“. Nehbergs Projekt beweise, „dass es sich lohnt, einen Traum zu haben und – dranzubleiben“. Kennen Sie Kirsten Nehberg und ihren Traum? Ja! Sehen Sie, nichtzuletzt über die „Flaschenpost“ und „Ecke“ dieses Artikels … (jm)

Links:
www.kirstennehberg.de, www.suchewoody.de, www.lookingforjaneandwoody.de
Crowdfunding: www.startnext.de/lookingforjaneandwoody
Filmtrailer auf Youtube

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Sapere aude!