Ansichtssache: Das Neueste des neuen Alten

Neulich – und das ist ja schon das schönste der eröffnenden Worte für das Neueste vom alten Tage – war ich bei einem Konzert mit Uraufführung eines Werks eines Komponisten, der, Jahrgang 1992, locker mein Sohn sein könnte. In der Anmoderation einer mir ungefähr gleichaltrigen Kollegin wurde zu diesem Neuesten des Neuen vermeldet, dass auch älteste der ältesten Zuhörer keine Angst haben müssten: Das Neueste komme alt genug daher, dass es nicht neuest grauslich sein müsste wie die – Neue Musik.

Die feiert mit den vom Kieler Neue-Musik-Projekt „chiffren“ als nunmehr fünfte und damit fast schon alte Biennale der „kieler tage für neue musik“ (bewusst wird das alles prä-postmodern, also altzeit-modern, klein geschrieben) seit vorgestern wieder fröhlichste – und manchen unverständlichste – Urständ. Und so, da ich derlei auch in der kommenden Montagsausgabe unserer Zeitung besprechen werde, frage ich mich, warum das Neue so viele Alte so neu und alternd ängstigt. Und ob ich nicht schon selber zu ängstlich und alt für all das Neue sei.

1984, also gerade mal schlappe 30 Jahre her, besuchte ich ein Seminar, das den Titel „Das schnelle Altern der neuesten Literatur“ trug. Darin wurde die (damals schwerst hippe, postmoderne) Eingangsthese vertreten, dass die Erneuerung der Künste dem fundamentalen Einschnitt der (inzwischen veralteten) Moderne kaum Schritt halten könne. Ob somit das Alte zu viel Macht habe über sein Neues? Jung wie ich damals war, plädierte ich unbedingt für das Neue gegen das Alte. Ich hatte dabei auch das (womögliche) Nachwirken meines damaligen Frühwerks im Auge. Letzteres ist derzeit blind geworden. Nicht für das Neue an sich, wohl aber für das geschwinde Altern alles eben noch Neuen.

Soll ich jetzt die zunehmende Geschwindigkeit des geschwind veraltenden Neuen im Netz, sein Verschwinden, bevor es im Facebook-Post „geliket“ und damit verwewigt werden konnte, zitieren? Besser nicht, denn das würde mich als „Ewig-Gestrigen“ ausweisen, eine Formulierung, die das ist, was sie aussagt.

„Trotz alledem“ – das ist ein sehr altes, 30er Jahre, Brecht oder so, Verdikt „gegen das Vergessen“, das ich daher zitiere – ist das Neue noch neuer als mancher, der das Altern des Neuen für möglich hält. Das Neue, das mich neulich berückte, berückt und berücken wird, das mich noch immer anficht, verwirrt, träumen lässt, ist die Herausforderung gegen alles Altern, gegen jeden Rentenbescheid, und Bestätigung jedes „Hallo, es wird nicht eingeschlafen!“, das Bernadette La Hengst, eine old-schoolige Liedermacherin, die doch so allzeit neu war, in ihren Songs (2002) als „Den besten Augenblick (in deinem Leben, ist gerade eben jetzt gewesen)“ und „Weh tun!“ besang.

Denn es muss wehtun, was neu ist, damit es nicht altert. So auch die Neue Musik: Habt keine Altersangst, wenn ihr’s nicht versteht, was so neu herkommt als die Botschaft eures Alters. Seht vielmehr das Nicht-mehr-Verstehen des Alters als Chance, nochmal jung und fragend zu sein!

Zu viel verlangt? Oder viel zu wenig? Das Neueste unseres Alterns leben wir, wenn wir uns dem Alten unserer Jugend öffnen, als wär’ das Alte immer wieder neu – wie neulich.

Sapere aude!