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„Wiedersehen in Paris!“

„Wiedersehen in Paris!“, stand vor genau 100 Jahren mit Kreide auf die Eisenbahnwaggons geschrieben, in denen kriegsbegeisterte deutsche Landser an die Front rollten. Wie die Geschichte lehrte, sah mancher sich nicht in Paris, sondern im Grab vor Verdun wieder, in dessen mittelbarer Folge sich 19 Jahre später jüdische und auch manche deutsche Exilanten in Paris wiedersahen.

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Befragt man heutige Jugendliche nach ihrem Wissen vom 1. Weltkrieg, können die wenigsten überhaupt seine Eckdaten nennen. Kriege liegen im Europa von heute so lange zurück, dass man kaum glauben mag, dass sie sich längst wieder eben dort und in seiner Nähe ereignen. Und in Facebook, wo die Propagandaschlacht um Israel versus Gaza und Ukraine versus „pro-russische Separatisten“ tobt wie einst an der Somme – wenn auch „nur“ mit der Waffe des Worts. Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur, im Wirrwar des Krieges stirbt bekanntlich „die Wahrheit als erste“ – wenn wir denn wüssten, was wahr sei im Kriege.

Welchen Bildern, die dantesch durch Netz und TV geistern, glauben wir? Sind es die von Raketen über Tel Aviv oder die von Opfern in Gaza? Sind es die von Artilleriefeuer über Lugansk oder die von einem abgeschossenen – oder doch nur abgestürzten? – Flugzeugwrack?

All das durch die Medien so nah, und doch so fern. In meiner Schreibstube, kontinuierlich vernetzt, an meinem „Kampfplatz für den Frieden“, wie in den hochsommerlichen Wendewochen vor 25 Jahren ein aus der DDR geklautes Plakat provokant und in „dialektischer Ironie“ (so nannte ich das damals) prangte, surrt der Nachrichtenstrom, jeder von Hiob und biblischer Dimension. Wer kann den Ball flach halten, wenn seine jüdisch-russische Freundin wieder „Angst hat vor dem Krieg“, 23 Jahre, nachdem sie hierher kam? Und wer kann noch Lehren ziehen aus der Juli-Krise vor 100 Jahren, die in komplexer Verkettung der diplomatischen Versäumnisse in die (erste) Apokalypse des 20. Jahrhunderts mündete?

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Geschichte wiederholt sich nicht, wohl aber ihre Alpträume. Wie die „Schlafwandler“ sei man in den Weltkrieg getaumelt, diagnostiziert der britische Historiker Christopher Clark in seinem gleichnamigen Bestseller. Ich empfinde mich als einen solchen, der vor dem nächtlichen Fernseher immer noch den Schlaf der (Un-) Gerechten, weil (noch) nicht Betroffenen, träumt.

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Aber auf welcher Straße sollte ich gegen den Krieg ziehen? Auf welchen Plätzen meine Stimme dagegen erheben, dass auch der Schrei gegen das Unrecht die Stimme heiser macht, meine wie die meines bis eben noch Facebook-Freundes, der sich jetzt in ideologischer Unbedingtheit auf die Seite der Feinde meiner Feinde schlägt, die nicht meine Freunde sind. Noch versuche ich, mich mit nichts gemein zu machen, auch nicht „den Guten“ – journalistisches Ethos. Doch müsst’ ich nicht Partei ergreifen, egal für wen, Hauptsache Partei, statt unflätig untätig daneben zu sitzen?

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Dabei weiß ich doch, und das ist die Hoffnung der Widersprüche, wir werden uns wiedersehen. In Paris, der Stadt der Liebe. Denn wie heißt es im letzten Satz von Thomas Manns „Zauberberg“, jenem Endzeitroman, der an seinem Ende den Anfang der Liebe beschwört: „Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“

Sapere aude!

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