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The Art of Bespreching: Die guten alten Zeiten der Jungen

Die guten alten Zeiten der Jungen

Das Trio Ohrenschmalz beschwor im Blauen Engel die „neue Generation Grammophon“

Von Jörg Meyer

Kiel. „Heute sind die guten alten Zeiten von morgen“, titelt das letzte Couplet im Zeitgeist der bald hundertjährigen 20er Jahre, mit dem das Trio Ohrenschmalz im Blauen Engel munter gegenwärtig zwischen nur scheinbar goldener Vergangenheit und dem Google-Grammophon der Zukunft changiert.

Den „Angriff der Gegenwart auf die übrige(n) Zeit(en)“ beschwor Alexander Kluge vor bald 30 Jahren. Die jugendlicheren Twenty/Thirty-Somethings Stefan Haberfeld (Klavier, Komposition), Angelika Feckl (Geige) und Julius Hassemer (Gesang) machen die guten alten Zeiten zu den schlechterdings nicht besseren der Gegenwart. Noch mehr von solchen verwirrend gestrigen Wortspielen? Die Ohrenschmalz-Schmonzetten-Spieler sind darum nicht knittelvers-verlegen. Zum Beispiel in „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“, welche zeitgeistkritische Eigenkomposition über die Notdürfte des Überflüssigen medial-modernen Mobiliars schon ehedem aus den „roaring“ Zwanziger-Federn von Friedrich Hollaender oder Otto Reutter hätten stammen können. Selbst good ol’ Immanuel Kant mit seinem „Ich kann, weil ich will, was ich muss“ hätte seine helle Freude daran gehabt, wenn es damals schon so kabarettistisch-couplierend zur Sache gegangen wäre und er anerkannt hätte, dass „Ein bisschen Leichtsinn kann nicht schaden“.

Leichtsinnig im zukünftig altertümlichen Sinne des Wortes gehen alle Lieder des Berliner Trios mit solchem um. Es wird überraschend gereimt, bis der Arzt kommt, dem solches aber nie ein- und ausgefallen wäre, es wird über die Wirrnisse des Jetzt vergangenheitsbewusst gewitzelt, wie es das Kabarett und Cabaret schon damals nicht besser konnte. Die etwas bemühten Schauspielgesten sind dabei zuweilen pomadig, aber das ist dem Ehedem geschuldet, das im quirlig netzverflüchtigten Heute schon morgen nur „noch“ ist. Ohrenschmalz öffnen unsere Gehörgänge für das Überzeitliche, das ewig Gestrige wie das chronisch Morgen(er)grauende.

Geschenkt, dass Julius’ Falsett dabei sehr an Max Raabes Knödelkunst erinnert, denn die Jugend bedient sich hier sehr frei an Altmeisterlichem. Geschenkt auch, dass schon jener alte Maxehase den Moritaten der Moritze von heute das stets besetzte Telefon „in vollen Zügen“ als Textbühne anbot. Manches ist eben damals wie morgen und daher ewig ein Ärgernis, über das sich Geschichten erzählen lässt. Ohrenschmalz tut das so old-time-swingend, wie es solches in den heutig poppenden Groove übersetzt. Nicht erst „Der Charleston hat’s möglich gemacht“, auch die ganz gegenwärtige Musikkabarettkunst, die im Alten erfrischend schamlos für das Junge und sein Programm „Er & Sie & Ich“ wirbt und wildert. Nach vorhin eher mildem Applaus ist das Publikum jetzt hingerissen und fordert fürs Danach solch’ fulminanten Fracksausens zwei Zugaben.

Sapere aude!

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