The Art of Bespreching: Der Rap im Rave-Pelz

Man sagt ögyr nach, dass seine Besprechungen wie hier für die „Kieler Nachrichten“ manchmal mehr über den (psycho-poetischen) Zustand des Rezensenten aussagen als über das Rezensierte. Nun gut, solche Methode würde ich eh empfehlen, denn Rezensionen sollen eben nicht nur „objektiv“ sein (sie kämen dann über eine – sicher gewitzt machbare – Duplikation der Netz- und Presseinfos nicht hinaus), sie sollen auch eine Geschichte (des Abends – und des sich nähernden Abstands von diesem) erzählen, die sich naturgemäß durch die „subjektive“ Brille – und das buchstäblich – des Erzählers perspektiviert. Daher meine Empfehlung an alle weitaus jüngeren KulturjournalistInnen: Traut euch endlich mal was, und traut euch selber dabei weniger als eurem Text. Er ist euer Hirte, euch wird nichts mangeln!

Der Rap im Rave-Pelz

Schafe & Wölfe überzeugten auch in der nur dünn besuchten Schaubude

Von Jörg Meyer

Kiel. „Es geht um die ewige Suche danach, sich fremd zu sein“, menetekeln Schafe & Wölfe im Info zu ihrer CD mit dem nicht minder melancholischen Titel „Große Augen für schlechte Aussichten“. Auch wenn die Augenpaare der Besucher am Donnerstagabend in der Schaubude im halben Dutzend abzählbar sind, fremdeln Max Scharff und Chris Hyla sowie ihre Kombattanten Valéry (Drums) und Jonas (Lead-Gitarre) nicht mit der Leere, vielmehr wird jeder Gast persönlich begrüßt.

Die in den Songs der Schafe & Wölfe besungene Fremde mit sich selbst wie auch der Verbindung von Rap, Rock und Rave, von eingängigen Pop-Riffs nicht zu schweigen, die sich trefflich ineinander pelzen, wird so zur Nähe, die sich unter den Wenigen umso tanzbarer entspinnt. Konzerte brauchen keine schwitzenden Massen, sondern „schwitzende Synapsen“ – und das nicht selten selbstironisch mit den Topoi der lonesome Cowboys spielend, die durch die Schluchten schluchzender Bars reiten. So sind Schafe & Wölfe an diesem intimen Abend, wie es im Opener heißt, „der letzte und (daher) beste Zeitvertreib“.

Spielerisch anregend ist ihr Mix aus Rap, Rock, Rave und Pop. In den Intros rumoren moll-gestimmte Synthies, doch solches Downtempo ist nur die Eintrittskarte, um gleich nach solcher Grübelei loszurocken – und zu raven. Chris’ und Jonas’ Gitarren bohren sich sogleich in Ohr und Füße. Freilich um die Botschaften der Texte als dialektisches Widerspiel zu transportieren. „Lieber verbrennen als Verglüh’n“ ist seit den Doors eine wohlfeile Metapher, doch Rap-Sänger Max münzt sie um in „Ich verbrenne das Verglüh’n.“

Wo wir alle also „auf der Suche nach uns selbst verloren gehen“, ist den Rappern im rockpoppigen Rave-Pelz der Weg zu verschmitzt verschränkten Ufern das Ziel. Und klar, dass dort Ankommen schon Verrat wäre an der Idee, sich als Künstler und uns wenige Rezipienten geschickt in der Schwebe zu halten. Zwar darf man zu den wölfischen Beats tanzen, aber nur als Schäfchen, das um dies’ Opfer-Dings an und mit sich selber weiß.

„Den Artikel würd’ ich gern mal lesen“, sagt Max, als sich der Rezensent als solcher zu erkennen gibt. Und dabei augenzwinkert er. Denn wahrscheinlich werden solche Artikel eher wenige geschrieben in Zeiten, wo „Sex 6 ist: die ’Stellung 69’ ganz allein und traurig mit sich selbst“. Und wären nach solch sexy Selbsterkenntnistheorie nicht die Gitarren und die knüppelharten Drums, die uns daraus aufwecken, könnte man ja tatsächlich trübsinnen. Mit den Schafen als Wölfen aber wird der Abend auch im fast leeren Stall der Schaubude zu einem ungemein schwungkünstlerischen, wo selbst „Katzen & Jammern“, einer der trotz seines Titels dynamischsten Songs, eine Ode an die Fremde im Rap-, Rock- und Rave- und nicht zuletzt Gewand der abschließend besungenen „Revolution“ ist.

Sapere aude!