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The Art of Bespreching: Kristallpaläste der Nacht

Noch so’n dope-beflügeltes Nachtding wiedermal (für KN) … Überbordend, lange Sätze, Parenthesen und so, naja …:

Deine Lakaien ließen die dunkle Seite des Wave im MAX Nachttheater wiederaufleben

Von Jörg Meyer

Kiel. Damals, Anfang der 90er, waren die Nächte noch wavig dunkel und voller „Nightmares“, mit welchem ganz alten Song vom 1993er Album „Forest Enter Exit“ Deine Lakaien im MAX Nachttheater ihr Kieler Konzert auf der „Crystal Palace“-Tour eröffnen. Seit 30 Jahren sind Sänger Alexander Veljanov und der begnadete Synthie-Sound-Bastler Ernst Horn ein Dark-Wave-Duo, da darf man zurückhören auf die Fortschritte der Anfänge.

Geradezu Menetekel ist es, dass der zweite Song der erste ist, den die beiden – damals wie heute mindestens drei Spurbreiten entfernt von den Gleisen des Mainstreams – je veröffentlichten und „Reincarnation“ heißt. Kann man den widerständigen wie wiedergehenden Geist der späten 80er und frühen 90er wiederbeleben, als Punk – schon selbst allzu verspätet angekommen – dem Wave den Rang ablief, als dem Synthie-Gebastel allenfalls Avantgardisten anhingen, die noch einen Moog im Schrank hatten, der jetzt wieder auf der Bühne steht und unter der beherzten Antastung Horns darkeste Urständ feiert? Unsere Lakaien können, indem sie die Oldschool in schillernde Kristallpaläste gegenwärtiger Nachtkultur kleiden.

Dass dazu biotopisch mitverblüht statt -getanzt und die Lippen im Publikum andächtig stumm mitbewegt werden, ist nur eine Folge solchen stringenten Revivals. Jaja, die Lakaien sind sich treu geblieben – geschenkt! Vor allem aber machen sie aus den Nachtkavernen Kristallpaläste, die eiskalt blau glitzern, wenn die Hölle frostet, und rötlich heiß glimmen, wenn das Herz am Himmel blutet wie in schon älteren Balladen à la „Where You Are“ oder dem umso polyrhyhmisch stolpernder formulierten „Nevermore“ vom jüngsten Album. Letzterer, Song Nummer Sieben, ist der erste vom aktuellen Silberling, vorher nur Rückblick, der im zehn Jahre alten „Over And Done“ wie eine Vorschau erscheint. Das muss dem Duo plus Band (krasse Gitarre, treu die Dateien wiedergebender Computer und knüppelharte Live-Drums) erstmal jemand nachmachen, dass ihr Frühwerk wie eben in den Jungbrunnen getaucht erscheint.

Und eine Spur hoffnungsvoller als ehedem, wenn auch „Vivre“ mit seinem Chanson-Aspekt nicht zu den jüngeren Songs gehört, aber mit den pressluft-artig zischenden Beats vom Becken frisch dampfmaschinisiert. Hier wird schon mal Luft gemacht für „Where The Winds Don’t Blow“, die vom neuen Album herüberblasen, so schwarz auch diese Ballade bleibt. Veljanov zeigt uns danach wie bei fast jedem Song den in Frack gekleideten Rücken und mächtigen Zopf, der kein alter ist, als Priester, der sich nach dem Gebet dem Altar zuwendet. Denn er vermeldet in „Overpaid“ und darin gelooptem „Betray! Betray! Betrüge!“, dass die Zeiten der Globalisierung des Geldes keine goldenen, sondern die der Silberlinge sind.

„Farewell“ also diesen: letztes und schlüssiges Stück solcher kristallenen Selbstbespiegelung im barocken Versailles. Sonnenkönige gibt es nicht mehr, wohl aber die der Nacht.

Sapere aude!

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