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Die Lokalzeitung entlässt ihre freien Mitarbeiter – des ganz privaten Erlebnisberichtes 1. (und 3. ff) Kapitel

Kiel. Eigentlich schon der dritte Akt des Trauerspiels nicht ohne komödiantische Anteile: Die Lokalzeitung entlässt ihre langjährigen freien MitarbeiterInnen in die erbarmungslose Konkurrenz gegeneinander, statt sie in einem Miteinander für ein gemeinsames Zeitungsprojekt zu vereinen. Rekapitulieren wir aber zunächst den Konflikt im 2. Akt, die Exposition im 1. Akt – oder besser noch voran …

Prolog: Die Lokalzeitung (nennen wir sie, weil sie für viele steht, nicht beim erahnbaren Namen, sondern im folgenden einfach LZ) befindet sich wie alle Zeitungen in der so genannten „Zeitungskrise“ – sinkende Auflagen, ob der Wirtschaftskrise schmelzende Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft. Und eine rechtzeitige Anpassung an die medialen Herausforderungen des Netzes am Ende des 20. und mehr noch im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat sie verschlafen. Als Monopolist vor Ort, der (fast) alle anderen lokalen Print-Medien entweder kleinzukriegen oder zu schlucken wusste und sich somit sicher meinte, steht man nun einigermaßen ratlos vor der Globalisierung (und damit nicht zuletzt auch Demokratisierung – jeder Rezipient ist potentieller Produzent, jeder Empfänger ein Sender) der Medien im Internet. Verspätet also, aber wohl nicht zu spät, stellte man es etwas schlauer an als die LZ, versucht man nachzubessern: Newsroom, Senden auf neuen Kanälen, Multimedialisierung des Contents sind die Zauberworte, deren „Sesam öffne dich“ zunächst noch nicht neue Tore öffnete …

1. Akt: So in Not geraten – wobei nachzufragen wäre im Sinne des „cui bono“, aber das nur am Rande, wessen Not, wohl vor allem die der Kapitalisten, deren Renditen schwinden – greift die LZ auf Rationalisierungsmaßnahmen zurück, wie sie ihr aus den 1990er und 2000er Jahren bewährt erscheinen: Als da seien Kostenreduktion durch Stellenabbau, Outsourcing, (im Fall der LZ noch nicht, aber absehbar) Tarifflucht. Ganz klassisch also. Guter Ansatz und Einsicht indes: Wir können als Lokal- und Regionalzeitung nur bestehen, wenn wir uns verstärkt regional und lokal aufstellen, unseren LeserInnen also das bieten, was sie sonst nicht bekommen: Nachrichten und Berichte aus der Region, bis runter zum Stadtteil. Zurück – und das ist gut so – zur ReporterIn vor Ort, die die Menschen kennt und sie ihn.

2. Akt: Allein, solches steigert die Kosten eher, denn sie zu senken. Dass man gerade in Krisenzeiten mehr investieren als sparen sollte, hat die LZ noch nicht mal von Keynes gelernt. Auch nicht, wie man Nachfrage steigert, statt ihr bloß – stolpernd, um nicht zu sagen: sich dabei selbst ein Bein stellend – nachzueilen. Die Chance eines lokalen Jornalismus scheint umso mehr vertan, wenn man aus (nachvollziehbaren) Sparzwängen gerade das „totspart“, was einem solcher in hoher Qualität verspricht: freie MitarbeiterInnen, die ihre über z.T. jahrzehntelange Mitarbeit aufgebauten Informationsnetzwerke der LZ (weiterhin) nutzbar machen könnten – mit neuen Medien, die sie lernen können, meist schneller als ihr Auftraggeber.

Doch die Marschrichtung der Geschäftsleitung (und in ihrem – sichtlich ungern angenommenen – Auftrag der Chefredaktion) ist eine andere: Zum 31.12.2015 wurden alle der etwas mehr als 20 Pauschalistenverträge gekündigt. Zugleich wird verkündet, dass die LZ auf gerade die eben gekündigten „Freien“ angewiesen sei, um eine gute Lokalzeitung zu machen. Nur, was „gut“ ist, war oder wäre, sein könnte, wie man die Zusammenarbeit mit den „Freien“ sogar mit gemeinsamem Ziel, „unsere Zeitung“ voran zu bringen in den schwierigen Zeiten, ausweiten könnte, weiß die Geschäftsleitung in offenbar weitgehender Unkenntnis des Produkts, das sie verkauft, nicht. Und wenn sie es weiß oder zumindest ahnt, ist sie Marionette eines Medienkonzerns, der – um keine Namen zu nennen – mit „Mad“ beginnt und mit „Sack“ endet. (Dabei habe ich doch im 1. Semester Journalismus gelernt, dass man keine Witze über Namen macht, schon gar keine guten 😉 )

3. Akt: Retardierendes Moment, das im aristotelischen Drama eigentlich erst im 4. Akt folgt: Knapp zwei Wochen nach jenem „schwarzen Freitag“, an dem den Pauschalisten, also jenen freien MitarbeiterInnen, denen die LZ mit den Pauschalen bisher eine gegenseitige Sicherheit bot, gekündigt wurde, versammelt sich auf Einladung der Gewerkschaften (DJV, ver.di/DJU) eine kleine Schar, „9 aus rund zwei Dutzend“, um zu beraten, was man tun könne. Lenins „Was tun?“ steht dabei logisch nicht zur Diskussion. In Fragen des Verhältnisses von Strategie und Taktik sind selbst Gewerkschaften überfordert. Ich nicht, ich habe die „blauen Bände“ wenigstens in Auszügen gelesen, auch die mir wieder aktuell erscheinenden Einwände gegen den „Trade-Unionismus“. Nun gut, das trägt nicht zur realistischen Debatte bei, deshalb verschweige ich solche historische Netzwerkkenntnis.

Nicht mal die Hälfte der „Schafe“ sitzt also hier und überlegt zusammen mit den GewerkschafterInnen … nicht die Revolte, sondern wie man sein Schäflein, also sich als nicht sein Hirte, noch ins (feuchte, es regnet überall durch) Trockene bringen kann. Nichts gegen Taktik, überhaupt nicht (auch nichts gegen Tragikomik). Die Strategie der Klage wegen Scheinselbstständigkeit – nur im Einzelfall aussichtsreich –, würde der LZ und dem ihr voranstehenden Medienkonzern wohl einige Nadelstiche versetzen, das Problem beseitigte sie nicht. Insofern allenfalls taktisch für den einen oder die andere sinnvoll.

Ein als Beobachter anwesendes Mitglied des Betriebsrats der LZ empfiehlt, die „Durststrecke“ durchzustehen. In der Hoffnung, dass absehbar eingesehen werde, dass man auf die „Freien“, ihre Zuarbeit und ihre netzwerkende Sachkenntnis nicht verzichten könne.

Das wirkt zumindest auf meinen vorzeitigen Revolutionsimpetus beruhigend, und ich weiß wiedermal, dass „das Sein das Bewusstsein bestimmt“, sogar noch das zwischenzeitlich Nicht-mehr-Sein. Ich bin „zeitweilig taktisch vorübergehend in der Defensive“ (Dr. Kurt Euler, 1990).

Nichtmal auf ein gemeinsames „Gehen an die Öffentlichkeit“ kann man sich einigen. Dabei wäre doch das unser Weg zu den LeserInnen, ihnen zu zeigen, dass auch sie mit uns für eine gute Lokalzeitung zu kämpfen hätten – weil sie sie brauchen und wollen, weil eine freie (Lokal-) Presse eine der Grundlagen der Demokratie vorort ist.

4. Akt: Retardierendes Moment 2.0: Ja, ich weiß, das ist Traumtänzerei, dass sich die LeserInnen mit ihren ReporterInnen verbündeten, dass die LZ einsähe, dass wir, fragte man uns nur weiter an, zusammen nicht nur die unbestreitbare „Zeitungskrise“ überwinden, sondern auch „unsere Zeitung“ in eine neue Zukunft führen könnten. Ich habe Vorschläge gemacht, ich mache sie u.a. hier, indem ich zeige, wie man online – in meinem Bereich Kultur – Qualitätsjornalismus erhalten und ausbauen kann. Multimedial, auf allen Kanälen, die uns heute zur Verfügung stehen, und die wir alle, Zeitungen, LeserInnen und ihre Zulieferer – so bezahlt, dass sie davon leben können – für unseren gemeinsamen Austausch, der Demokratie erst lebendig macht, nutzen sollten.

Warten wir ab, was der 5. Akt der Tragödie bietet, vielleicht ja weiterhin nicht ohne Komödiantisches … Insofern: „to be continued.“

Sapere aude!